Die Mont Blanc Woche beginnt. Am Ende werde ich hoffentlich ganz oben, am höchsten Punkt der Alpen stehen. Doch zuvor ist Training angesagt.

Mein Weg auf den Mont Blanc:

Die Basics

Wir starten mit der Fahrt hoch mit dem La Breya-Sessellift. Nicht gerade langsam rasen die Sessel an uns vorbei und wir müssen mit unseren voll bepackten Rucksäcken aufspringen. Trotz zusätzlich mit Wanderstöcken in der Hand schaffe ich das Manöver und grüble schon, wie ich oben wieder aussteigen soll. Doch erst mal lenke ich mich mit der schönen Aussicht auf Champex-Lac ab. Ein idyllischer See mit einer Reihe von Hotels davor. Ausserdem mit mindestens einem Restaurant mit leckeren Rösti – die gab es nämlich zu Mittag. Die Rösti sind sich noch am Setzen, da muss ich mich auch schon auf das Aussteigen konzentrieren: Bügel hoch und voller Elan mit Sack und Pack aus dem Sessellift zur Seite springen. Nochmal gut gegangen.

Die beiden Bergführer, die uns vier Gipfelaspiranten betreuen werden, lotsen uns sogleich zur Orny Hütte. Sie erzählen sich gegenseitig ihre neusten Abenteuer und laufen unserer kleinen Gruppe voran. So locker und leicht es bei den beiden aussieht, fühlt es sich bei uns restlichen nicht an. Insgeheim glauben wir schon, dass es sich um einen ersten Konditionstest handelt, so ein Tempo legen sie vor. Aber der wirkliche Grund sind wohl die dunklen Wolken, die sich über uns zusammenbrauen.

Weg zur Orny Hütte

Unterwegs zur Orny Hütte

Und tatsächlich: ab der Hälfte der Strecke fängt es an zu regnen. Bergführer sind ja immer auf minimalistische Ausrüstung bedacht; Thomas treibt es hierbei auf die Spitze: kurz entschlossen läuft er im Regen oben ohne weiter – in der minimalen Packliste war kein Platz für eine Regenjacke! Erst auf der Terrasse der Hütte wird sich wieder ordentlich angezogen – damit die Hüttenwartin keinen Schreck bekommt. Die Orny Hütte ist eine typische Bergsteiger-Hütte: Massenlager, spartanischer, unbeheizter Waschraum mit Latrine und Plumpsklo, keine Feinkost aber das, worauf es ankommt: unverbaubarer Blick auf Gletscher und umliegende Berge, die mit vielen Kletterrouten aufwarten. Einfach herrlich!

Orny Hütte

Die Orny Hütte liegt idyllisch in den Bergen

Nach einer unruhigen Nacht auf 2800 Meter – ich habe jedesmal Probleme in der ersten Nacht über 2000 Meter – geht es am Morgen gemütlich ein paar Schritte abwärts. Wir sind auf der Suche nach ein paar geeigneten Steinen für eine Trittschulung. Bevor wir fündig werden, richten sich die Augen unserer Bergführer jedoch auf einen riesigen Fels, der nur von einem winzigen Stein davon abgehalten wird, runter auf den Gletscher zu rollen. Ein gefundenes Fressen! Die ganze Gruppe versucht nun, diesen kleinen Stein zum Bersten zu kriegen. Stein um Stein wird darauf geworfen, doch außer ein paar Schrammen entsteht nichts. Nach etwa zehn Minuten gehen wir gebeugten Hauptes weiter und lassen dem Stein seinen Sieg.

Die Bergführer bringen den Fels nicht ins Rollen

Die Bergführer bringen den Fels nicht ins Rollen

Ziemlich schnell werden wir nun fündig. Eine schräge Fläche verdeutlicht uns, auf was für einer abschüssigen Rampe wir noch stehen können. Manche schaffen es sogar, noch weiter hoch zu laufen. Weiter geht es mit der richtigen Gewichtsverlagerung beim Vorwärtsgehen über Stock und Stein. Dann wird uns erklärt, wie wir einen sicheren Stand durch Ausnützung von Rissen erlangen und zuletzt ist Fang den Bergführer angesagt: über Blockgelände versuchen wir mit so kurzen Kontakt wie möglich voran zu kommen.

Der erste Gletscherkontakt

Mit diesem Wissen ließ man uns nun das erste Mal auf den Gletscher. Da es gestern geregnet hatte, ist er ziemlich blank und selbst auf gerader Fläche fangen wir gleich zu rutschen an. Also ziehen wir unsere Eisen sofort an. Dank alpinem Basiskurs, der Breithorn-Besteigung und diversen Schneeschuhläufen (ähnlich breite Schritte) bewege ich mich wie ein junger Gott über dem Eis. Koi Problem 🙂

Erste Schritte auf dem Gletscher

Erste Schritte auf dem Gletscher

Auch hier suchen wir nach einer richtigen Stelle und werden bei einem großen Felsen fündig. Der riesige Block hat sich schön in den Gletscher reingeschmolzen und dadurch unterschiedlich steile Eisflächen produziert. Ideal für unser Training! Thomas sammelt unsere Eispickel ein und generiert einen Gletscherparcours. Jetzt heißt es in den verschiedenen Steigeisen-Fortbewegungsarten über die Pickel schreiten: seitwärts mit Überkreuzen, Berg runter mit gebeugten Knien, rückwärts wieder den Berg hoch, dann runter springen und – wer kann (ich nicht) – rückwärts hoch springen. Danach sahen die Eispickel wenigstens nicht mehr so neu aus, denn es gab die ein oder andere Bruchlandung mit den Steigeisen auf den Eispickeln.

Gletscherparcours seitwärts gehen

Gletscherparcours: seitwärts gehen

Gletscherparcours runter gehen

Gletscherparcours: runter gehen

Gletscherparcours rückwärts springen

Gletscherparcours: rückwärts springen

Doch das war erst der Anfang. Stufe zwei folgt sogleich: die Wand wird steiler, so um die 45°. Jetzt müssen wir zum Glück nicht mehr springen. Nur hoch und runter laufen. Bei dieser Schräge geht das noch, aber kaum ist diese gemeistert, wird es ziemlich steil. Gefühlte 80°!!! Jetzt fühle ich mich eher wie ein Eiskletterer – mit jeweils einem Eisgerät links und rechts. Wir hauen die Pickel in die Wand und gehen mit den Steigeisen hinterher. Nach ein paar Versuchen gar nicht mal so schwer und kann auch Spaß machen 😉

Mit Steigeisen eine Wand traversieren

Mit Steigeisen eine Wand traversieren

Eisklettern üben

Eisklettern üben

Somit wissen wir alles und noch viel mehr, was an Gehtechnik für den Mont Blanc vonnöten ist. Jetzt noch ein paar Eisschrauben reindrehen und mit viel Geduld eine Eisuhr basteln. Dazu werden zwei sich berührende Löcher mit einer Eisschraube gebohrt und eine Reepschnur durchgefädelt. Das Durchfädeln ohne Hilfsmittel hat ziemlich lange gedauert – aber wir haben nicht aufgegeben und konnten uns dann von der Haltekraft fünf bis zehn Zentimeter dicken Eises überzeugen. An die Reepschnur haben wir ein Seil angebracht und daran kräftig gezogen. Der Eisuhr hat es nichts ausgemacht!

Eisuhr

Verblüffend starke Eisuhr

Vom Gletscher in den Schnee

Zum Tagesabschluß geht es nun wieder runter vom Gletscher zu einer mäßig steilen Schneeflanke. Hier gibt es nun Lektionen der Fallschule. Wir fangen mit dem Liegestütz im Schnee an, der uns vor weiterem Abrutschen schützen soll. Das klappt wunderbar, es rutscht nichts. Mit der Zeit werden wir immer mutiger, probieren andere Positionen aus und lassen uns erst ein paar Sekunden den Schneehügel runtergleiten. Die Krönung ist das sichere Anhalten nach einem Purzelbaum. Also ich fühl mich jetzt sicher – und naß.

Gletscherfluss überspringen

Wir überspringen einen Gletscherfluss auf dem Weg zur Rutschpartie

Das Einzige, was jetzt noch fehlt zu unserem Technik-Repertoire ist die Spaltenbergung. Die bauen wir natürlich auch noch auf und jeder darf mal ran. In solch einer tollen Bergkulisse ist die Lehrstunde kurzweilig, aber so langsam wäre Kaffee und Kuchen auch nicht schlecht. Der Gedanke kommt mit der Zeit einigen von uns. Es dauert nicht mehr lange und wir kommen zu der einhelligen Meinung, dass nun die ideale Zeit ist, zur Hütte zurück zu gehen. Wir sind nun also gut genug vorbereitet für Morgen, unserer ersten richtigen Hochtour diese Woche 🙂

Spaltenbergung vor Bergkulisse

Spaltenbergung vor Bergkulisse