Hätte mir vor 10 Jahren jemand gesagt, dass ich eines Tages auf einem 4000er stehen würde, ich hätte ihn glatt für verrückt erklärt. Doch manchmal kommt es anders als man denkt. Das macht das Leben ja gerade so spannend.

Vorbereitung auf die ‚Expedition 4000‘

Im Sommer haben wir einen alpinen Basiskurs beim DAV-Summit-Club besucht und uns dort die Grundlagen für den Vorstoss in neue bergsteigerische Dimensionen geholt. Dank eines Schlechtwettereinbruchs auf der Jamtalhütte haben wir Knoten, Anseilen und Spaltenbergung – zwar nicht bis zum Erbrechen, aber doch ausgiebig geübt. Bei realitätsnahen Bedingungen – mit Wind, Schneefall und Kälte. Unser Bergführer Jürgen hat uns am Ende des Kurses ermutigt, dass wir es ruhig wagen können, einfache Hochtouren – auf spaltenarmem, vielbegangenem Gletscher – in Eigenregie zu unternehmen.

Einige Wochen sind wir am Überlegen, welches Ziel es würdig ist, unsere erste selbständige Hochtour zu werden. Das Wildhorn steht zur Debatte. Mit dem haben wir seit unserer ausgefallenen Schneeschuhbesteigung im Winter noch eine Rechnung offen. Auch über das Gwächtenhorn denken wir nach. Auf dem benachbarten Sustenhorn waren wir (zumindest die Hälfte von uns…) im letzten Jahr. Die Tour war nicht allzu schwierig, aber es gibt doch einige Spalten. Nicht ideal für alpine Säuglinge wie uns.

Schließlich kommt uns das Breithorn (4164 m) in den Sinn. Es gilt als einer der leichtesten 4000er in den Alpen. Mit gerade mal 300 zu überwindenden Höhenmetern vom Kleinmatterhorn aus beinahe ein Katzensprung. Die Tour ist viel begangen – wenn wir nicht bei Schlechtwetter losziehen können wir sicher sein, dass eine nicht zu verfehlende Spur uns nach oben leiten wird. Eine ideale Hochtour für Einsteiger. Warum also nicht direkt auf einen 4000er steigen?

Gesagt, getan. Zwei Mitstreiter sind schnell gefunden. Papa Mufflon begeistert seinen Kollegen Rasmus samt Freundin Sarah für unsere ‚Expedition 4000‘.

Benötigte Ausrüstung

Welche Ausrüstung nimmt man mit auf einen 4000er? Das kommt etwas auf die Verhältnisse an und ob man mit  Bergführer geht. In der Regel wirst du dich – wenn dir etwas an deiner Sicherheit liegt – für die ersten Hochtouren einem Bergführer anvertrauen. Er wird die Spezialausrüstung wie Seil, Karabiner etc. mitbringen und dir vorher eine Ausrüstungsliste geben. 

Für das Breithorn benötigst du normale Wanderbekleidung für etwas kühlere Verhältnisse: 

  • Softshellhose
  • Falls es sehr kalt ist, Thermounterwäsche
  • Wandershirt
  • (Merino)pullover
  • Fleecejacke
  • Regenjacke
  • Mütze und Handschuhe
  • Sonnencreme und Sonnenbrille -> sehr wichtig wegen der Höhe und dem Schnee, die Haut verbrutzelt sonst im Nu. Die Sonnenbrille muss gletschertauglich sein! Eine normale Sonnenbrille ist in der Regel nicht geeignet, weil sie nicht genug abdunkelt und an der Seite zu viel Licht durchlässt. Die Brille sollte mindestens Schutzkategorie 3, besser 4 haben.
  • Stabile Bergschuhe – sie müssen nicht als steigeisenfest deklariert sein, es gibt Korbsteigeisen, die man an jedem festen Wanderschuh befestigen kann. Im Zweifel frage vorher bei deinem Bergführer oder im Bergsportladen, ob deine Schuhe sich eignen.
  • Steigeisen -> können in Berg-/Sportgeschäften oder beim Alpenverein geliehen werden
  • einen Pickel benötigt man fürs Breithorn nicht zwingend. Trekkingstöcke reichen aus
  • Klettergurt und Karabiner -> fürs erste Reinschnuppern auch am besten ausleihen
  • falls noch viel Schnee zu erwarten ist, können Gamaschen hilfreich sein, damit kein Schnee in die Schuhe kommt

Breithorn – wir kommen!

Mitte September verabreden wir uns für Samstag Abend in Zermatt. Bestens ausgerüstet mit Seil, Pickel, Steigeisen und Klettergurt entern wir das sagenumwobene Bergdorf. Waren wir bei unserem letzten Besuch lediglich Zaungäste des bergsteigerischen Treibens, so mischen wir uns  diesmal mitten unters Volk. Bei einer kalorienreichen Henkersmahlzeit im güldenen M besprechen wir die letzten Details. Alle sind ein bißchen aufgeregt. Den ersten 4000er seines Lebens macht man nicht alle Tage.

Am nächsten Morgen wird es ernst. Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Die erste Bahn aufs Klein Matterhorn fährt um 7 Uhr. Extra früh vor dem offiziellen Touristentransport – in erster Linie für Skirennfahrer, die den Gletscher für ihr Sommertraining nutzen. Aber eben auch für Bergsteiger, die ins Abenteuer über den Gletscher aufbrechen. Viele wollen zum Breithorn, einige auch zu Castor und Pollux. In ca. 45 Minuten schweben wir bis auf 3800 Meter. Genug Zeit, um noch ein kleines Frühstück zur Stärkung einzunehmen. Oben angekommen werfen wir uns in unsere Ausrüstung. Rein in den Klettergurt, das Seil präparieren. PapaMufflon hat die Knoterei voll im Griff. Der wohligen Wärme wegen starten wir unsere Vorbereitungen – wie die meisten anderen Seilschaften auch – im Gipfelshop. Bis wir von einer freundlichen Mitarbeiterin rauskomplimentiert werden. Schnell noch die Steigeisen angezurrt und schon kann es losgehen.

Die Spur zieht sich gut sichtbar im Zickzack den Berg hinauf

Die Spur zieht sich gut sichtbar im Zickzack den Berg hinauf

Die ersten Meter stapfen wir auf der präparierten Skipiste bis unsere Spur nach links auf den Gletscher hinaus zieht. Nun befinden wir uns also in freier Wildbahn. PapaMufflon als Bergführer vornedraus, alle anderen im Gänsemarsch hinterher. Immer darauf achtend, dass das Seil weder schlapp am Boden schleift, noch zu sehr spannt. So harmlos das Breithornplateau auch aussieht – es gibt Spalten. Man sollte deshalb den markierten Pistenbereich niemals ohne Sicherung verlassen. Das Breithorn baut sich groß und breit (wer hätte es gedacht) vor uns auf. Man glaubt kaum, dass es wirklich nur 300 Höhenmeter bis zum Gipfel sind. Wenn man direkt davor steht, sieht es auf einmal doch ganz schön hoch aus.

Bis an den Bergfuß geht es nur ganz leicht aufwärts. Ideal zum Eingewöhnen. Als es steiler wird, verkürzen wir die Seilabstände. Einige geführte Gruppen überholen wir an dieser Stelle und können beim folgenden Aufstieg unser eigenes Tempo gehen. Wir haben Glück, dass nicht allzu viel los ist. Nur eine handvoll Seilschaften kommt uns entgegen. Wir hatten einen wesentlich größeren Ansturm erwartet bei dem Kaiserwetter. 

Letzter Steilaufschwung vor dem Gipfel

Es geht nun recht steil nach oben. Kombiniert mit dem Gewicht der Steigeisen, führt das zu einer unangenehmen Reibung im Schuh. Vielleicht wäre es doch gut gewesen, vorsorglich ein paar Blasenpflaster auf die Ferse zu kleben? Auch wenn es nur ein kurzer Aufstieg ist. Zu spät. Nun muss es ohne Pflaster gehen. Auch die dünne Luft macht sich durchaus bemerkbar. Es läuft sich nicht so locker wie auf 2000 Meter. Die Spur zu finden, ist hingegen kein Problem. Sie ist gut ausgetreten. Selbst das Passieren von Gegenverkehr stellt an den meisten Stellen kein Problem dar.

Die einzige sichtbare Spalte - groß genug, um reinzufallen

Die einzige sichtbare Spalte – groß genug, um reinzufallen

Etwa in der Hälfte des Aufstiegs kommen wir an die einzige kitzlige Stelle. Eine breite Spalte zieht sich quer über den Hang und muss überstiegen werden. Die Eisbrücke ist über den warmen Sommer auf ein Minimum zusammengeschmolzen. Wie ein riesiger Schlund klafft die Spalte uns mit scharfen Eiszähnen entgegen. Hineinfallen will man dort sicher nicht. Vorsichtig steigen wir einer nach dem anderen über die Spalte. Das Eis hält. Als nächstes kommt eine kurze Felspassage, in der man ein paar Meter über Steine steigen muss. Steigen, kein Klettern. Also auch kein Problem.

Kleine felsige Passage in der Mitte des Weges

Kleine felsige Passage in der Mitte des Weges

Der restliche Aufstieg erfolgt im Schnee. Noch eine Kehre. Die letzten Meter. Und dann haben wir es geschafft. Wir stehen auf dem 4164 Meter hohen Breithorn. Was für eine phantastische Aussicht! Und was für ein tolles Gefühl auf einem 4000er zu stehen. Auch wenn das Breithorn keine bergsteigerische Höchstleistung ist – stolz sind wir allemal. Da nicht viel los ist und es ausserdem auch trotz der Höhe nicht kalt ist, gönnen wir uns beim Gipfel ein Päuschen. Einzigartig ist die Aussicht auf die verschneiten Bergriesen. Ein Panorama, an dem sich wohl niemand so schnell sattsehen kann.

Winterwonderland mitten im Sommer

Winterwonderland mitten im Sommer

Es fällt schwer, sich wieder loszureißen und den Abstieg anzutreten. Doch die Sonne scheint stark und der Schnee wird immer sulziger. Wir werfen noch einen Blick auf den Grat, über den die Breithornüberschreitung führt. Sieht spannend aus, ist aber eine ganze Ecke (vielleicht auch zwei) schwieriger als der Normalweg und damit nichts für Anfänger. Wir legen noch eine Fotosession mit monumentalen Aufnahmen ein und treten dann den Rückzug an. 

Der Abstieg geht flott vonstatten. Der Schnee ist nun merklich aufgeweicht und nasser als am Morgen. Einige Seilschaften – und auch Einzelgänger kommen uns noch entgegen. Als wir in den flachen Bereich kommen, entledigen wir uns unserer Steigeisen. Wie leichtfüssig es nun vorangeht! Wir schweben geradezu das letzte Stück zum Klein Matterhorn. Zurück auf der Skipiste, können wir uns wieder ableinen. Am liebsten würden wir unser Gipfelglück mit einem Fläschle Schampus begießen. Ob der horrenden Preise hier oben lassen wir das aber lieber. 

Als kleine Zugabe ‚besteigen‘ wir noch das Kleine Matterhorn. Besteigen heißt in dem Fall: einsteigen in den Lift und sich nach oben tragen lassen. Von dort aus können wir nochmal ‚unseren‘ 4000er bewundern. Einige Ferntouristen sind ebenfalls ganz aus dem Häuschen, das Breithorn zu sehen. Allerdings aus anderem Grund als wir – sie denken nämlich, es sei das Matterhorn itself. Das kann man freilich auch sehen. In der anderen Richtung. Und nicht im bekannten Blickwinkel, den man von Zermatt oder zum Beispiel vom Stellisee aus hat. 

Das Breithorn vom KleinMatterhorn aus gesehen - gar nicht so unbeeindruckend

Das Breithorn vom KleinMatterhorn aus gesehen – gar nicht so unbeeindruckend

Dann heißt es entgültig Abschied zu nehmen vom Ort des Geschehens. Eine wunderschöne Bergfahrt liegt hinter uns. Viele phantastische Bilder und neue Erfahrungen nehmen wir mit ins Tal. Beseelt steigen wir in Zermatt in den Zug gen Heimat. Dankbar dafür, dass wir diesen Tag erleben durften.

Eine Warnung, die man unbedingt ernst nehmen sollte

Eine Warnung, die man unbedingt ernst nehmen sollte

Hinweis: Auch wenn die Besteigung des Breithorns theoretisch nichts weiter ist als eine Schneewanderung – praktisch handelt es sich um eine Hochtour, die die entsprechende Ausrüstung (Seil, Gurt, Steigeisen etc.) samt den Kenntnissen zum Umgang mit selbiger erfordert! Es gibt zahlreiche Bergschulen, die Hochtourenkurse anbieten. Etwas günstiger sind die Kurse, wenn man sie direkt beim Alpenverein macht. Im Zweifel sollte man sich für den Gang über einen Gletscher einem Bergführer anvertrauen.  Desweiteren hat man umso mehr Spass, je besser man sich vorher an große Höhen akklimatisiert hat.