Auf dem Programm steht eigentlich der Pointe Lachenal, aber da sehr gute Bedingungen herrschen und die Bergführer auch etwas Spaß haben wollen, gehen wir den Cosmiques Grat.

Mein Weg auf den Mont Blanc:

Hinab von der Aiguille du Midi zum Vallée Blanche

Völlig ahnungslos und von der netten Hochtour am Vortag noch eingelullt begeben wir uns mit einigen Touristen hoch zur Aiguille du Midi. Es ist ratsam, rechtzeitig an der Verkaufsstelle zu sein, denn auch die Touristenbusse legen hier pünktlich an. Unser Timing war nicht ganz optimal: vier von uns bekommen ihr Ticket ohne Nummernkärtchen, die anderen beiden bekommen eins. Eine Nummer zu haben bedeutet, dass man fix für eine Gondel eingeteilt ist. Wir interpretieren das als Vorteil. Deswegen gehen wir nach einer kurzen Orientierungszeit wieder zurück zum Kassenhäuschen und holen für jeden nachträglich noch eine Nummer. Dummerweise ist nun unsere Truppe in 3 verschiedenen Gondeln verteilt. Sei’s drum. Denn es wird noch bescheidener. Am Kontrollgate werden nun alle Personen gesucht, die keine Nummer haben. Diese werden wohl zuerst abgefertigt. Tja, dumm geloffen!

Aiguille du Midi

Aiguille du Midi

Irgendwann kommen wir jedenfalls oben an. Schnell noch ein paar Fotos von der Brücke aus gemacht – in Richtung Mont Blanc! Dann geht es auch schon ab in den Eistunnel. Klettergurt und Steigeisen anlegen, Eispickel zur Hand und anseilen. Wir sind parat für den Grat 😉 Es geht nun durch eine Warnschranke, die Touristen von Dummheiten abhalten soll. Jetzt geht die Tour auf den Arête du Cosmiques, wie der Cosmiques Grat auf Französisch heißt, los. Mir wird nun bewusst, dass die heutige Tour etwas schwerer wird als gestern. Denn die ersten paar Meter geht es gleich auf einen recht schmalen Grat runter Richtung Vallée Blanche. Die Schneeverhältnisse sind recht sulzig so dass wir doch etwas wacklig auf unseren Füßen stehen. Dass es auf der einen Seite 1400 Meter runter geht und auf der anderen „nur“ 300, trägt auch nicht zum sicheren Gefühl bei. Nur unser Bergführer ist schön wachsam und ist auf jeden kleinen Wackler gefasst. So gelangen wir auch wohlbehütet unten auf den Gletscher an. Im Winter startet hier wohl eine super Talabfahrt, die bis nach Chamonix reicht.

Grat der Aiguille du Midi

Grat der Aiguille du Midi

Weiter geht es nun mehr oder weniger horizontal fast bis zur Cosmiques Hütte. Wir laufen an Zelten vorbei, die mitten auf dem Gletscher stehen. Hin und wieder kommt wohl die Polizei per Helikopter vorbei und löst den illegalen Zeltplatz auf – wenn sie sonst nichts zu tun haben… Kurz vor der Hütte, am alten, verlassenen Cosmique Observatorium ist der Start zur eigentlichen Tour. Da es sehr viel Sonnenschein in den letzten Tagen hatte und es sehr warm war, sind die Verhältnisse auf 3800 Meter so gut, dass wir gar keine Steigeisen benötigen. Wir ziehen sie also aus, stattdessen den Helm an und sind bereit für die kommende Blockkletterei.

Zelte auf dem Vallee Blanche

Zelte auf dem Vallee Blanche

Der Cosmiques Grat

Dafür dass wir super Wetter haben und der Cosmique Grat zu den Top-Touren der gesamten Alpen zählt, ist relativ wenig los. Wir kommen gut vorran und kraxeln über Ier, IIer und IIIer Grade. Das macht total Spaß und die Zeit fliegt nur so dahin. Da wundert es mich auch nicht, dass wir schon bald zur ersten Abseilstelle kommen. Hier haben sich jetzt doch einige Seilschaften gesammelt und warten darauf, dass die Bahn frei wird. Da unser Bergführer in Chamonix ansässig ist und rechtzeitig zum Mittagessen wieder zu Hause sein möchte, wird er ziemlich unruhig. Eine Wartezeit von 30, 40 Minuten bahnt sich an. Deswegen entscheidet er, die Abseilstelle zu umgehen. Wir lassen die Menschenmassen rechts liegen und klettern die paar Meter etwas ausgesetzt ab. Wie gut, dass ich regelmäßig Klettern gehe und dass ich gut gesichert werde.

Kraxeln am Cosmiques Grat

Kraxeln am Cosmiques Grat

Cosmiques Grat

Cosmiques Grat, um die Felsnadel geht es vorne vorbei

 

Nachdem wir auf diese Art einige Seilschaften überholt haben, müssen wir dann doch warten: an der crux, der schwersten Stelle der Route: eine 8 Meter Wand senkrecht nach oben… (4c, wem das etwas sagt – mit Bergstiefeln und Rucksack falls jemand grinst ;)). Vier Seilschaften sind vor uns und gehen nacheinander, mal mit, mal ohne Steigeisen, die Wand hinauf. Dummerweise benötigt die französische Altherren-Seilschaft etwas länger als die Geduld der Bergführer es zulässt, so dass erst junge Franzosen einsteigen und kurz danach wir ebenso. Damit sind drei Seile in der kurzen Wand und jeder klettert in irgendeiner Reihenfolge. So etwas gestresst (was geht ab, wann muss ich klettern, wann wem den Weg freigeben) verliere ich einen Tritt und halte mich krampfhaft am schrägen Riss fest. Durch die vorherige Kletterei war ich schon etwas geschwächt und das Zusatzgewicht des Rucksacks macht den Rest – schwupps ist die rechte Schulter ausgekugelt. Vor 20 Jahren ist mir das regelmäßig passiert, da mir ein Knorpelstück vom Gelenk ausgebrochen war. Das wurde wieder angeschraubt und seither war Ruhe. Gerade jetzt am Vortag der Mont Blanc Tour, mitten im Cosmiques Grat, muss mir das nochmal passieren. Gott sei Dank bekomme ich den Arm wie durch ein Wunder wieder rein. Mit Schmerzen und der Toprope-Hilfe des Bergführers, aber ohne rechten Arm (also dran ist er schon, ich kann ihn nur nicht gebrauchen) kann ich die Wand zu Ende klettern. Erst mal Pause, einen Schluck trinken.

Stau mit nervösem Bergführer

Stau mit nervösem Bergführer

Die Crux des Cosmiques Grats

Die Crux des Cosmiques Grats

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um meine einzige Kritik an so manchem Bergführer zu äußern. Nicht alle sind so, aber viele stressen die ganze Tour über und wollen so schnell wie möglich wieder drunten im Tal – am besten noch bei sich zu Hause – sein. Aus Sicht des Bergführers kann ich das sehr gut nachvollziehen: bestimmt ist die aktuell geführte Tour schon zigmal durchgeführt worden und eine hohe Anforderung ist sie wahrscheinlich nicht. Wer will da nicht die lästige Arbeit schnell hinter sich bringen. Auch meine Arbeit im Geschäft möchte ich ja schnell erledigen. Nur habe ich nicht mit anderen Menschen zu tun. Ich brauche nicht darauf zu achten, dass meine Kunden eine tolle Zeit haben und sich nicht als Bremsklotz fühlen. Gerade bei sicherem Wetter und genügend Zeitpolster sollte es schon drin sein, den ein oder anderen Fotostop zu machen und nicht erst dann leicht genervt stehen zu bleiben, wenn laut „Foto“ gerufen wird. Bitte liebe Bergführer (nicht alle!), macht doch mal einen Kundenorientierungskurs.

Auf dem Vallee Blanche

Auf dem Vallee Blanche

Genug gezetert, wir sind ja noch gar nicht wieder heil zurück auf der sicheren Aussichtsplattform der Aiguille du Midi. Mit zusammengebissenen Zähnen und nur mit linkem Arm kraxle ich noch über so manchen Felsblock und einen Kamin hinauf. Dann stehe ich – leider muss ich „endlich“ schreiben – unterhalb der wackeligen Leiter zur Zivilisation. Etwa zwanzig Sprossen führen mich hinauf zur Mont Blanc Terrasse. Ich suche gleich ein schattiges Plätzchen, wo ich mich erst mal hinsetze und meine Schulter entspannen lassen kann. Nach einer reichlichen Pause und etwas zu Essen schauen wir uns noch die Touristenattraktionen der Bergstation an und lassen dann unten in Chamonix den Tag ausklingen. Das Wetter für die nächsten beiden Tage verspricht ganz gut zu werden, etwas windig, aber durchaus realistisch, um den Mont Blanc zu besteigen – auch mit lädierter Schulter?

Trotzdem glücklich

Trotz kaputter Schulter glücklich – im Hintergrund der Mont Blanc