Der Wetterbericht Ende September 2012 verspricht ein Traumwochenende. Das wollen wir nutzen und entscheiden uns für den zweithöchsten Gipfel der Allgäuer Alpen – das Hohe Licht.

Am Vorabend haben wir versucht auf der Rappenseehütte noch einen Schlafplatz zu reservieren. Keine Chance. Alles ausgebucht. Wir sind nicht die einzigen, die ein schönes Wochenende im Allgäu planen. Also versuchen wir es bei der weiter unten gelegenen Enzianhütte.  Und siehe da – wir haben ein Mordsglück. Wir bekommen nicht nur einen Schlafplatz, sondern direkt ein Doppelzimmer nur für uns zwei! Die eigentlichen Anwärter haben gerade ihren Aufenthalt abgesagt. Des einen Leid ist des anderen Freud und so steht unserem Abenteuer ‚Hohes Licht‘ nichts mehr im Wege.

Enzinhütte

Abfahrt in Filderstadt – unserer schwäbischen Wahlheimat – 6 Uhr in der Früh. Die Augenlider sind schwer. Der Körper träge. Kaffee mögen wir beide nicht und so geht es koffeinfrei an den Start. Das Mufflonomobil, ein amazonasgrüner Kangoo, kutschiert uns treuergeben nach Oberstdorf. Den Weg dorthin kennt unser treues Gefährt mittlerweile beinahe auswendig.

8 Uhr Ankunft Talstation Fellhornbahn. BabyMufflon flitzt aufs WC – die zwei Stunden sanftes Durchschütteln beim Autofahren zeigen Wirkung. PapaMufflon hat die Aufgabe, das Parkticket zu lösen. Und natürlich nicht genug Kleingeld dabei. Zum Glück ist bei der Bahn schon jemand da, der wechseln kann. Nochmal Schwein gehabt. Zwei Tage schwarz parken wäre wahrscheinlich teuer gekommen.

Wir marschieren los. Die erste Stunde geht es gediegen immer geradeaus nach Einödsbach. Ein kleiner Weiler, der zu Oberstdorf gehört und gar nicht so öde ist wie der Name vermuten lässt. Weitbekannt – ja schon fast legendär der Blick mit der Kapelle Sankt Katharina vor der Silhoutte von Trettachspitze und Mädelegabel. Doch heute haben wir Großes vor und keine Zeit, hier länger zu verweilen.

Kapelle St. Katharina in Einödsbach mit klassischem Blick auf Trettachspitze und Mädelegabel

Kapelle St. Katharina in Einödsbach mit klassischem Blick auf Trettachspitze und Mädelegabel

Wir ziehen weiter vorbei an der Petersalpe als nuff Richtung Enzianhütte. Der Weg ist feucht bis nass, was sich auf dem glattgetretenen Gestein gar nicht gut macht. Es ist verdammt rutschig. BabyMufflon ist ununterbrochen am Fluchen und kündigt an, dass für den Rückweg ein anderer Abstieg gefunden werden soll. Nasse, glatte und rutschige Wege sind so gar nicht sein Geschmack.

Etwa 2,5 Stunden nach Aufbruch erreichen wir die Enzianhütte. BabyMufflon gibt seinen Rucksack mit dem Gepäck für die Nacht ab – man muss ja nicht alles mit auf den Gipfel schleppen. Und dann geht es ohne Pause direkt weiter.

Wir sind gerade um die erste Kurve nach der Hütte gebogen, da hören wir die Mädelsgruppe vor uns kreischen. An einem schattigen Tobel befindet sich ein i.d.R. ganzjähriges Schneefeld, das mittlerweile aber deutliche Spuren des Sommers davon getragen hat. Es ist unterhölt – sprich: es ist lediglich eine marode Schneebrücke übrig. Mittendrin klafft ein mannsgroßes Loch.

Schneefeld Enzianhütte - am Abend der Rückkehr

Schneefeld Enzianhütte – am Abend der Rückkehr

Die Situation ist nicht gerade einladend. Wir bleiben erst mal stehen und checken die Lage. Die Mädels balancieren inzwischen vorsichtig eine nach der anderen über den Schnee. Die Brücke hält. Noch. Auch wenn uns die Sache verunsichert – die Option, die Tour hier abzubrechen – denn das wäre die einzige Alternative – steht nicht wirklich zur Debatte. Zu perfekt ist das Wetter und zu verlockend die bevorstehende Wanderung. Und so tasten auch wir uns vorsichtig über den Schnee. Nur nicht zu fest auftreten, um nicht durchzubrechen. Und doch genug Halt finden, um nicht abzurutschen. Beide Varianten wären mit einem metertiefen Sturz verbunden. Vermutlich mit schwerwiegenden Folgen. Keine schöne Vorstellung. Es gelingt uns, die sichere Seite zu erreichen. Erleichtert gehen wir weiter.

Knapp eine Stunde später sind wir bei der Rappenseehütte. Wir gönnen uns eine kleine Pause mit einer großen Cola. Zucker, neue Energie. Genau das richtige. Noch liegt ein weiter Weg vor uns. Es sind immer noch über 500 Höhenmeter zu erklimmen.

Bis zum Fuß des Hohen Lichts geht es in mässiger Steigung voran. Sozusagen die Ruhe vor dem Sturm. Dann geht es in Kehren mühsam durch den Schotter bis wir den Startpunkt des Heilbronner Wegs erreichen. Ab hier wird es spannend. Drahtseilversichert geht es in leichter Kraxelei steil nach oben. Routiniert erklimmen wir Felsstufe für Felsstufe. Schliesslich kennen wir den Weg von der Steinbocktour vor ein paar Jahren. Dann zweigt der Pfad zum Hohen Licht rechts ab. Wer den Heilbronner Weg machen will, muss nach links. Wir gehen heute rechts lang.

Schöne Aussicht unterwegs aufs Hohe Licht

Schöne Aussicht unterwegs aufs Hohe Licht

Das Hohe Licht in voller Pracht

…kaum zu glauben, dass dort ein recht passabler Weg hochführt

Steil gehts hoch zum Hohen Licht

Steil gehts hoch zum Hohen Licht

Einstieg Heilbronner Weg

Einstieg Heilbronner Weg

Über Bänder nahe dem Abgrund

Über Bänder nahe dem Abgrund

Der Pfad windet sich eng am Berg entlang, lässt aber immer genug Platz – auch zum aneinander vorbei gehen. Über alle heiklen Stellen helfen Drahtseile hinweg. Wir kommen gut voran. Bis plötzlich der Mann mit dem Hammer auf der Bildfläche erscheint. BabyMufflon macht schlapp. Der Gipfel ist schon fast in Sicht. Es sind vielleicht noch 10 Minuten. So nah und doch so fern. Wie gut, dass wir Omas altbewährte Korodintropfen dabei haben. Die riechen und schmecken dermaßen scharf nach Campher, dass man damit Tote aufwecken könnte. Schnell ein paar Tropfen davon auf die Zunge geträufelt und ruck zuck ist BabyMufflon wieder auf dem Damm. Zumindest soweit, dass es sich  mit letzter Kraft bis zum Gipfel schleppen kann.

Sechs Stunden nach dem Start schlagen wir am Kreuz an. Ziemlich fertig, aber glücklich und hochzufrieden mit unserer Leistung. Das geräumige Platzangebot am Gipfel erlaubt es uns, Liegestellung einzunehmen. Sogleich gibt es eine Stärkung in Form eines Energieriegels. Das Panorama lässt keine Wünsche offen. Alles, was Rang und Namen hat, kommt einem hier vor die Linse. Vom Hochvogel, über den großen Krottenkopf, Zugspitze, Ortler bis hin zu Piz Buin, Schesaplana und Tödi. Wir haben sie alle gesehen! Es ist einfach phantastisch. Aller Schweiß ist in diesem Moment vergessen.

Alter Bekannter: Der Hochvogel

Alter Bekannter: Der Hochvogel

Mindelheimer Klettersteig und Hoher Ifen

Mindelheimer Klettersteig und Hoher Ifen

Gipfel Hohes Licht - total kaputt, aber glücklich

Gipfel Hohes Licht – total kaputt, aber glücklich

Eine Stunde lassen wir uns Zeit. Dann müssen wir wieder aufbrechen. Knapp 900 Meter Abstieg stehen uns bevor. Es ist derselbe Weg, den wir gekommen sind. Manche Stellen sind runter unangenehm – ruhiges,  konzentriertes Steigen ist angesagt.

In der Nähe der Rappenseehütte schleicht ein Steinbock durch den Fels. Gut getarnt, doch PapaMufflons Adleraugen entgeht er nicht. PapaMufflon macht ein paar Aufnahmen.

Ein Steinböckchen

Die Rappenseehütte lassen wir links liegen, denn wir müssen ja bis zur Enzianhütte weiter. Ohne nennenswerte Ereignisse wandern wir vor uns hin. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Inzwischen sind die Beine ein bißchen schwer. Kurz vor der Zielgerade stehen wir wieder vor dem Schneefeld. Das ist genau die Herausforderung, auf die man nach einer 8-Stunden-Wanderung gewartet hat. Die Wärme der Sonnenstrahlen hat ganze Arbeit geleistet. Das Loch in der Mitte des Eises ist deutlich größer. Das Konstrukt macht einen maroden Gesamteindruck und wirkt nicht gerade einladend. Ein zweites Mal tasten wir uns vorsichtig darüber und sind heilfroh als wir beide gut auf der anderen Seite angekommen sind und bald die Hütte erreichen.

Immer am Fels lang

Immer am Fels lang

Steiler Abstieg

Recht steil gehts runter – für BabyMufflon die unangenehmste Stelle

Viel Schotter unterwegs

Viel Schotter unterwegs

Als nunna

Als nunna

Das Schneefeld hinter der Hütte ist DAS Gesprächsthema des Abends. Jeder ist froh, dass nichts passiert ist. Und alle sind ein bißchen Stolz auf ihre Verwegenheit. Es wird gegessen und getrunken. Man tauscht seine Wandererlebnisse aus. Wir bestellen einen Himbeerlikör. Sehr lecker und sehr zu empfehlen! Kurz darauf bringt die Bedienung wieder Himbeerlikör. Wir haben zwar nicht bestellt, aber ehe er verkommt opfern wir uns bereitwillig. Der nächste Himbeerlikör wird gebracht. Sieht nach einer Flatrate aus. Wir opfern uns erneut. Man lebt schließlich nur einmal. Um 22 Uhr ist Zapfenstreich.  Unsere Tischkameraden sind etwas neidisch, dass wir ein Zimmer für uns haben. Sie dürfen ins Lager. Wir machen es uns gemütlich in unseren kuscheligen Betten bequem und schlummern friedlich ein.

Am nächsten Morgen lassen wir es ruhig angehen. Es wird gemütlich gefrühstückt und dann sitzen wir noch ein paar Stunden vor der Hütte. PapaMufflons Handy klingelt ein paar Mal, aber er geht nicht ran – zu geizig für Roaminggebühren. Schwaben lässt grüßen. Wir inspizieren auch noch mal das berühmtberüchtigte Schneefeld. Es ist über Nacht weiter getaut und ist nun durchlöchert wie ein schweizer Käse. Jetzt wird offensichtlich, wie dünn die Eisschicht schon gestern Abend gewesen sein muss. Mittlerweile haben die Hüttenwirte ein Schild aufgestellt, dass der Weg gesperrt ist. Trotzdem beobachten wir einige Wagemutige, die sich auf den Schnee begeben.

....am nächsten Morgen...

….am nächsten Morgen…

Gegen Mittag machen wir uns auf den Weg ins Tal. Kurz nach der Petersalpe greift PapaMufflon in die Hosentasche und stellt fest, dass er den Zimmerschlüssel nicht abgegeben hat. Jetzt wird auch klar, warum das Handy geklingelt hat. Das war die Hütte – sie wollten den Schlüssel vermisst melden. Die Hüttenleute sind schon ziemlich verzweifelt, weil sie das Zimmer für die nächsten Gäste fertig machen müssen. Einen Ersatzschlüssel gibt es nicht. Schöne Trottel sind wir. Peinlich… Wir sollen den Schlüssel bei einem Gasthof im Tal abgeben. Oder Wanderern mitgeben, die zur Hütte wollen. Also hoffen wir, dass uns bald jemand entgegen kommt. Aber wie es eben so ist, wenn man auf etwas wartet. Es kommt niemand. Erst nach Einödsbach kommen uns zwei Wanderer entgegen, die tatsächlich zur Enzianhütte wollen. Sie sind sofort bereit, den Schlüssel mitzunehmen. Dankbar übergeben wir den beiden Rettern das gute Stück und schlendern glücklich das letzte Stück bis zu unserem Mufflonomobil.

Ein wunderschönes, erlebnisreiches Wochenende geht zu Ende.

Tipp: 

Die Besteigung des Hohen Lichts lässt sich übrigens wunderbar kombinieren mit der Begehung des Heilbronner Wegs. Ein wunderschön angelegter Höhenweg mit leichtem Klettersteigcharakter, der mit etwas Bergerfahrung gut zu begehen ist. Am besten unter der Woche, denn an schönen Sommerwochenenden ist die Hölle los. Wer ein paar Tage mehr Zeit hat, dem empfehlen wir die Allgäudurchquerung mit der Steinbocktour! Sämtliche Etappen der Steinbocktour mit nützlichen Links und Tipps findest Du in unserem Blog 🙂

Steinbocktour – die Etappen