Die Carretera Austral (eigentl. Ruta 7) verläuft als Panoramastraße durch den Süden Patagoniens und lädt zu einem abenteuerlichen Roadtrip ein. In diesem Artikel stellen wir die Route vor und weisen auf Wandermöglichkeiten am Wegesrand hin.

Die Carretera Austral im Überblick

Während unserer 3-monatigen Südamerika-Reise muss auch mal Zeit für einen Roadtrip sein. Nicht gerade die Panamericana oder die Ruta 40, aber doch wenigstens die Carretera Austral, die ebenfalls von Nord nach Süd verläuft – nur eben auf chilenischem Boden und etwas kleiner. Nämlich von Puerto Montt nach Villa O’Higgins, 1200 km. Wir schneiden nochmal etwas ab, sparen uns 280 km und fahren nur bis Puerto Bertrand, da die Weiterfahrt in Richtung Villa O’Higgins mit dem Auto sowieso eine Einbahnstraße ist. Dort geht es nur noch zu Fuß und per Schiff weiter.

An der Straße wird noch heftig geschraubt. Jedes Jahr müssen ein paar Dirt Roads den Asphaltstraßen weichen und im Süden ist das Militär noch dran, neue Straßen zu errichten. Der Masterplan sieht eine Verbindung mit Straßen und Fähren bis nach Puerto Natales vor. Bevor die Straße komplett asphaltiert ist, sollte man sie mal befahren haben. Die Teilstücke ohne Schotter haben gefühlt weniger Flair, versprühen weniger Abenteuer.

Fähre auf der Carretera Austral

Fähre auf der Carretera Austral

Als Auto wird nicht gerade ein 4×4 benötigt, aber ein city cruiser á la VW Polo sollte es eher nicht sein. Wir mieten uns einen Toyota RAV4 und sind damit unter den am besten Motorisierten. Ein bisschen Bodenfreiheit wegen den Schlaglöchern ist zu empfehlen. Trotz Hochsaison können wir das Auto vor Ort in Puerto Montt eine Woche im Voraus buchen. Wer über Argentinien wieder zurückfahren möchte, sollte zwei Wochen einkalkulieren, da die Auslandsgenehmigung für das Fahrzeug Behördengänge benötigt (erledigt die Autovermietung).

Auto vor Puyuhuapi

Unser Toyota RAV4 auf einem Parkplatz bei Puyuhuapi

Die Unterkünfte können wir relativ spontan eine Woche im Voraus buchen. Hauptsächlich suchen und buchen wir über Airbnb. Vor Ort stellen wir aber fest, dass es – zumindest in den größeren Orten – auch noch Hostals, also südamerikanische BnBs gibt, die noch nicht per Internet gebucht werden können. Diese sind großteils auch noch nicht ausgebucht. Wer also ganz spontan sein möchte, kann auch noch in der Hauptsaison Glück haben und auf eine Nacht im Kofferraum verzichten.

Bier mit deutschem Namen auf der Carretera Austral

Vermächtnis deutscher Einwanderer: Bier auf der Carretera Austral

Das liebgewonnene Toast mit Avocado können wir auf der Route fast nie essen, denn die Supermärkte, oder besser gesagt Mini Markets, sind nicht sehr gut sortiert. Kulinarische Highlights sollte man hier also nicht erwarten. Restaurants gibt es etliche, die meisten mit typischer Chilenischer Küche wie Curanto, Chupe oder Fisch.

Unsere Route

Da wir keine Auslandsgenehmigung haben, müssen wir die ganze Zeit auf der chilenischen Seite bleiben. Deswegen starten wir in Puerto Montt und nehmen die Fähre von Hornopirén nach Chaitén (welches sich als eines der Highlights rausstellen wird). Die Fahrt runter bis nach Puerto Bertrand wechselt sich mit schönen Landschaften und tollen Wanderungen ab. Danach geht es wieder zurück nach Puerto Chacabuco, um die Fähre zurück nach Puerto Montt zu bekommen.

Puerto Montt – Hornopirén

Der erste Tag ist zum Auto-Einfahren da: eine luxuriöse Asphaltstraße führt uns zu unserer ersten kurzen Fähre, danach kommt Schotter. Weil ich schon länger keine Dirt Road mehr gefahren bin und das letzte Mal wahrscheinlich wegen zu schnellen Fahrens einen Platten produziert habe, krieche ich mit 30 km/h umher. Natürlich überholen uns viele Autos, LKWs und sogar Busse. Über die Tage werde ich das Tempo bis auf rasante 50 km/h steigern können 🙂

Boot bei Hornopirén

Boot im Hafen von Hornopirén von unserer Fähre aus fotografiert

In Hornopirén angekommen fahren wir gleich weiter zum gleichnamigen Nationalpark, um dort ein bisschen zu wandern. Doch schon bald stellen wir fest (nämlich am Parkplatz am Ende der Straße), dass sich hier nur Mehrtageswanderungen lohnen. Denn um zum eigentlichen Eingang des Parks zu gelangen, müsste man erst mal 4 Stunden auf Zubringerwegen teils über private Grundstücke laufen. Da es sehr nach Regen aussieht, drehen wir um und machen uns einen gemütlichen Abend in unserer angemieteten Cabana.

Hornopirén – Chaitén

Das Highlight in diesem Abschnitt ist unerwarteter Weise die Fähre von Hornopirén, die uns zum Pumalín Nationalpark führt. Entlang an etlichen Fjorden und schneebedeckten Vulkanen können wir bei schönstem Kreuzfahrtwetter die vorbeiziehende Landschaft genießen. Ein sehr schönes Fleckchen Erde!

Fjord bei der Fährfahrt nach Caleta Gonzales

Fjord bei der Fährfahrt nach Caleta Gonzales

Angekommen im Park können wir auf unserem Weg nach Chaitén mehrere kleinere Wanderungen machen.

Rotunde vor Lago Rio Negro

Rotunde vor Lago Rio Negro

Cascadas Escondidas

Ein Weg, der uns durch Alercen-Urwald zu zwei Wasserfällen führt. Der Start ist am gleichnamigen Campingplatz. Es geht über nasse Wurzeln, steile Pfade und abenteuerliche Leitern. Man bewältigt zwar einen gewissen Höhenunterschied, da man sich aber fast ausschließlich im Urwald aufhält, bekommt man leider keine Aussicht serviert. Der untere Wasserfall ist wunderschön und lohnt die Strapazen eindeutig. Ist die Zeit etwas eng bemessen, kann man ruhig den oberen, größeren Wasserfall weglassen. Der Weg ist wesentlich weiter und zu sehen gibt es lediglich einen großen Wasserfall – nicht sooo besonders…

Unterer Wasserfall des Sendero Cascadas Escondidas

Unterer Wasserfall des Sendero Cascadas Escondidas

Volcan Chaiten

Der Vulkan, der tausende Jahre keinen Mucks von sich gegeben hatte, brach 2008 aus und brachte Verwüstung in den Pumalín Park. Nach zwei Jahren Restaurationszeit konnte der Park wieder geöffnet werden. Auf dem Weg hoch zum Kraterrand gibt es ein paar verstreute Hinweisschilder, die über dieses Ereignis berichten. Der Weg an sich ist weniger eindrucksvoll. Recht steil über hohe Stufen und dementsprechend anstrengend. Schon bald bekommt man einen wunderschönen Ausblick auf den Pazifik. Nach nicht ganz zwei Stunden kann man oben auf dem Kraterrand stehen. Dort sieht man am gegenüberliegenden Gipfel rauchende Löcher und abgebrannte Vegetation, die sich  gerade wieder ins Spiel zurückkämpft. Die Aussicht von hier oben ist nochmal besser und zählt zu der besten des Pumalín Parkes.

Aussicht vom Kraterrand des Volcan Chaitén

Aussicht vom Kraterrand des Volcan Chaitén

Chaitén – La Junta

Wegen eines tragischen Erdrutsches im vergangenen Monat bei Villa Santa Lucía, bei dem es mehrere Tote gab, ist die Straße von Chaitén nach Fuateleufú leider gesperrt. Deswegen müssen wir kurzfristig umplanen und nehmen die Übernacht-Fähre nach Raul Marin, die extra dafür eingerichtet wurde. Leider ist das eine ausrangierte griechische Fähre, die ihre besten Zeiten weit hinter sich hat. Erst an Bord erfahren wir, dass es keine Kabinen mit Betten gibt, sondern auf den Sitzbänken übernachtet werden muss. Nach zwei vergeblichen Stunden mit Einschlafversuchen verkrümeln wir uns in unser Auto. Mit runtergeklappten Sitzbänken bekommen wir eine prima Liegefläche hin. Und gegen die Kälte hilft Kuscheln – und alle Klamotten anziehen, die wir dabeihaben. Letztendlich haben wir überlebt. Und sogar ein bisschen geschlafen.

Zur Belohnung fahren wir am nächsten Tag bei den heißen Quellen ‚El Sauce‘ vorbei und wärmen uns dort mit 3 „Saunagängen“ auf. Die heiße Quelle mündet in einen kalten Fluss, so dass man sehr heißes und recht kühles Wasser zur Verfügung hat. Sehr zu empfehlen. Dort gibt es sogar einen angeschlossenen Campingplatz für tagelange Badegänge!

La Junta – Puyuhuapi

Weiter geht es nach Puyuhuapi und zum Queulat Nationalpark. Da zwischen beiden Orten die Straße erneuert wird, dürfen wir mal wieder Fähre fahren. Als nun alte Profis macht uns das rückwärts-auf-ein-Schiff-fahren nichts mehr aus. Denn die Fähren hier haben nur einen Eingang! Im Queulat Park gibt es eigentlich nur eine tolle Wanderung:

Zum Ventisquero Colgante

Der Hängegletscher (so heißt das übersetzt) ist relativ nah an der Straße. Um ihn zu sehen benötigt es gar keine Wanderung, sondern lediglich einen kleinen Spaziergang von 5 Minuten. Ganz faule sparen sich sogar den Eintritt und schauen sich den Gletscher von der Carretera Austral an – dann aber in erheblicher Entfernung. Wer ganz nah ran möchte, kann entweder für einiges Geld in ein Schiff steigen oder eben zwei Stunden lang durch einen Urwald wuseln. Wir machen letzteres und kommen gerade noch rechtzeitig für den Rückweg an, denn bereits um 17 Uhr werden hier die Gehsteige hochgeklappt und die Schranken zum Park wieder runtergelassen. Die Aussicht vom erhöhten Mirador ist sehr schön. Wer etwas Zeit hat, sollte hier verweilen, um mit Glück ein großes Eisstück abbrechen und 200 Meter in die Tiefe fallen zu sehen. Das gibt einen ziemlich lauten Schlag!

Ventisquero Colgante

Ventisquero Colgante – der Hängegletscher von der Aussichtskanzel aus

Puyuhuapi – Coyhaique

Coyhaique ist verglichen mit den restlichen Ortschaften auf der Carretera Austral die Metropole. Hier gibt es alles, was das Roadtripper-Herz verlangt: Sushi, Kokoskekse und eine National Reserve. Diese kann man mit einem Rundwanderweg kennen lernen – optional mit Gipfelmöglichkeit. Ohne Gipfel gibt es drei Lagunen beziehungsweise Seen zu erkunden, die idyllisch in die Natur eingebettet sind.

Friedlicher See im Coyhaique-Park

Friedlicher See im Coyhaique-Park

Coyhaique – Puerto Bertrand

Gab es bislang auf der Carretera Austral nur ab und zu Highlights zu sehen, so ändert sich das spätestens ab Villa Cerro Castillo. Der Rio Ibánez führt uns am Cerro Castillo und weiteren ansehlichen Bergmassiven vorbei, ehe es zum azurblauen Lago General Carrera geht. Hier besuchen wir bei bestem Wetter die Marble Caves bei Rio Tranquillo. Diese durch Wellenbewegung ausgewaschenen Felsen sehen von Nahem wie Marmor aus. Man fährt mit einem kleinen Boot ganz nah heran, fährt sogar in mehrere natürliche Tunnel hinein.

Cerro Castillo

Cerro Castillo von der Straße aus gesehen – wie schön muss der Blick erst von der Laguna sein, die sich hinter dem kleinen Hügel befindet?

Bergkette neben Cerro Castillo

Bergkette neben Cerro Castillo

Rio Ibanez

Rio Ibanez

Ein weiteres Naturschauspiel bietet sich am Zusammenfluss der Ríos Baker und Chacabuco, der Confluencia. Beide Flüsse haben unterschiedliche Farben, sodass sich bei gutem Wetter das Spiel der sich mischenden Farben beobachten läßt. Zuletzt machen wir noch eine Wanderung im Parque Patagonia, der zusammen mit dem Pumalín Park kürzlich in einen Nationalpark transformiert wurde. Hier treffen wir auf Massen von Guanakos, die frei umherstreifen können. Der Sendero Lagunas Altas bietet schöne Aussichtspunkte auf einen kleinen Teil des Nationalparks. Nur bei Windstille und gutem Wetter stören die Massen von Bremsen etwas.

Marble Caves bei Rio Tranquillo

Marble Caves bei Rio Tranquillo

Weg zum Lago General Carrera

Weg zum Lago General Carrera

Für den Rückweg fahren wir nach Puerto Chacabuco und verladen unser Auto in die Fähre. Es geht wieder über Nacht, nur haben wir nun ein eigenes Zimmer samt Bad! Das war aber auch schon das Highlight. Es gibt ein paar Steckdosen auf dem Schiff, ansonsten keine Vergnüglichkeiten. Da wir recht weit weg vom Ufer fahren, lohnt sich der Blick aus dem Fenster auch nicht wirklich. So vegetieren wir die anderthalb Tage dahin, bis wir wieder in Puerto Montt ankommen.

La Confluencia

La Confluencia – der Zusammenfluss von Rio Baker und Chacabuco

Guanakos beobachten uns neugierig

Guanakos beobachten uns neugierig

Es war ein toller Roadtrip, der noch viele Wanderungen in petto hat – vor allem über mehrere Tage. Man benötigt halt wie meistens mehr Zeit! Wer etwas mehr Informationen möchte, dem sei das Buch von Hugh Sinclair und Warren Houlbrooke „Chile, The Carretera Austral“ aus dem Bradt Verlag ans Herz zu legen – auch als eBook erhältlich!

 

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