Nach der geführten Tour auf den Mont Blanc wollen wir nun Gelerntes anwenden. Der Castor von Zermatt aus ist unser 4000er-Ziel.

Als Dreierseilschaft reisen wir nach Täsch und wandern bei startendem Regen rein nach Zermatt. Immer wieder schön. Das kleine Bergsteiger-Touristen-Dorf hat es mir angetan. Trotz der höheren Touristen-zu-Bergsteiger Rate als Chamonix mag ich Zermatt lieber. Vielleicht weil es j.w.d liegt: janz weit draussen. Leider begrüßt uns das Matterhorn nicht, es hat sich in Wolken gehüllt. Das erste Mal für mich. Das ist schon etwas enttäuschend. Wenigstens hat es wieder zu regnen aufgehört.

Polizei in Zermatt

Stellt Euch mal eine Verfolgungsjagd damit vor… das Autoverbot in Zermatt gilt auch für die Polizei.

Als kleine Einwandertour laufen wir hoch zur Edelweisshütte und – weil wir so fix unterwegs sind – gleich noch weiter in Richtung Hotel du Trift. Weg vom Trubel. Hier kredenzen wir in Ruhe unser teuer eingekauftes Zermatter Bier, riskieren noch einen kleinen Blick auf den Gabelhorngletscher und machen uns dann auf den Rückweg. Denn der Regen kündigt sich mit dunklen Wolken wieder an. Wir kommen den einfachen Wanderweg aber gut runter (Benni ist sogar mit Wandersandalen unterwegs…) und vertilgen dann noch unsere mitgebrachte Jause vor unserer Unterkunft, der wirklich guten Jugendherberge von Zermatt.

Hotel du Trift

Schlechtes Wetter am Hotel du Trift

Am nächsten Morgen in der Früh machen wir die Fenster auf und was müssen wir sehen? Zwei Wandersandalen stehen auf der Fluchttreppe – kann nur wieder der Benni sein! Und was schaut er sich an? Das Horu vor strahlend blauem Himmel – gut, strahlen tut er noch nicht, der Himmel, weil es so früh am Morgen ist, aber damit kann man arbeiten. Horu (Horn) ist übrigens der Walliser Name für das Matterhorn.

Matterhorn von Zermatt aus

Das Matterhorn am frühen Morgen

Da geht’s aber heute nicht hin – nur erstmal gemütlich mit der Bahn auf’s kleine Matterhorn. Und die ist mal wieder voller Bergsteiger und Skisportler – wie auch schon bei unserer Breithorntour. Nachdem wir zweimal die Gondel gewechselt haben, stehen wir oben – und es sieht immer noch top aus. Erst gegen 14 Uhr soll es gewittrig werden. Dank des Regens in Zermatt gestern gibt es hier oben gute zehn Zentimeter Neuschnee. Gleich mal erschwerte Bedingungen. Wir lassen uns Zeit mit dem Anseilen, so dass eine handvoll Seilschaften vor uns weggehen. So haben wir schon keine Probleme mit der Wegfindung 😉

Breithornplateau

Das Breithornplateau fordert noch keine Steigeisen

Die Steigeisen bleiben auf dem weitläufigen Breithornplateau noch im Rucksack, auch Gletscherspalten sind noch nicht in Sichtweite. Das ändert sich aber recht bald. Unterhalb des Breithorngrates müssen wir ein paar Höhenmeter absteigen und prompt tauchen die ersten Spalten auf. Alle haben nochmal die Spaltenbergung geübt und ziehen jetzt die Steigeisen an – kann also gar nichts schiefgehen… Dank den vorgetrampelten Spuren finden wir den Weg gut zwischen den Spalten durch. Unterhalb des Pollux rätseln wir kurz, welcher Weg zu nehmen ist, denn einer führt runter, der andere Richtung Zwillingsjoch. Wir entscheiden uns dann glücklicherweise für den richtigen und gehen gerade runter. Hier gibt es eine etwas größere Spalte zu überwinden, aber klappt schon.

Gletscherspalte

Gefunden! Diese Gletscherspalte war nicht zu übersehen.

Nun stehen wir am Fuß des Castor. Nur noch 400 Meter rauf und schon sind wir droben. Nach einer kurzen Trinkpause geht es auch schon los. Zuerst moderat, dann steiler und zuletzt bis zu 40 Grad. Durch den Neuschnee hat es tolle Trittspuren, die schön griffig sind. Der Aufstieg ist gut zu machen. Bis wir am Bergschrund ankommen. Dort gilt es nochmal eine Gletscherspalte zu überwinden und danach wird es so steil wie noch nie. Höchstens im Gletschertraining haben wir solche Wände bewältigt – aber keine, die 25 Meter lang sind *schluck* und fast aper *doppelschluck* Was tun? Todesmutig klettere ich über den Bergschrund und taste mich zwei, drei Meter voran. Das ist schon verdammt steil… Wenn man abrutscht, rutscht man zwar nicht in den Tod, aber ein paar hundert Meter – je nachdem, wann man sich gestoppt kriegt – auf einem steilen Schneehang sind es schon. Muss nicht sein. Auch Marcel und Benni, der Rest der Seilschaft, sind nicht scharf auf eine Rutschpartie. Also wieder umdrehen.

Am Bergschrund des Castor

Am Bergschrund des Castor – sollen wir umdrehen?

Dann kommt auch noch eine zweite Seilschaft an. Auf dem schmalen Platz, der uns zur Verfügung steht, sollen wir die vorbei lassen. Sie haben gute Eispickel dabei, jeder zwei. Ideal für die vor uns liegende Eiswand. Überfallen wäre unsozial, also einigen wir uns auf eine gemeinsame Sache. Wir geben ihnen alle unsere Eisschrauben, so daß sie damit genug haben, um unten einen sicheren Stand zu bauen und oben ebenfalls so abzusichern, dass ein Toprope eingerichtet werden kann. So gut behütet gelangen wir alle wohlbehalten oben am Grat an. Dort finden wir schon eine Eisuhr vor, in die wir uns einhängen können. Doch jetzt steht ein free solo bis zum Gipfel an. Etwa 10 Meter ohne Sicherungsmöglichkeit zu einem fünf Quadratmeter breiten Plateau, was den Gipfel bildet. Dadurch, dass es fast windstill ist, ist es gut machbar und Marcel bekommt seinen ersten, Benni seinen zweiten und ich meinen dritten Viertausender 🙂

50 Grad Eis am Castor

Dank der technisch besseren anderen Seilschaft haben wir die 50 Grad Stelle am Castor geschafft.

Ausgesetzter Grat am Castor

Ausgesetzter Grat am Castor

Liskamm vom Castor

Die Gipfelsicht zum Liskamm

Punkt 12 verlassen wir den Gipfel so wie wir hergekommen sind. Ich lasse Benni und Marcel ab – doch wie soll ich runter? Wir haben nur ein 30 Meter Seil – damit kann man sich 15 Meter ablassen. Fehlen noch 10… Da muss ich wohl unterwegs eine Eisuhr bauen. Doch glücklicherweise kommt eine zweite Seilschaft vorbei und sie lassen mich netter Weise ab. Nochmal Schwein gehabt. Für das nächste Mal müssen wir das theoretisch nochmal durchspielen, wie das gescheit gemacht wird. Nicht, dass einer oben bleiben muss 😉

Castor

Rückblick auf den Castor

Trotz fortgeschrittener Stunde – denn der Rückweg zieht sich mal wieder länger als gedacht – bleibt das Wetter stabil. Der sulzig gewordene Schnee jedoch erschwert das Laufen und die Schneebrücken über die Gletscherspalten werden immer fragiler, so dass jeder von uns mal in einer Spalte steckt – zum Glück immer nur mit den Beinen. Mit dunklen Wolken, aber trockenem Fußes, erreichen wir um kurz vor 16 Uhr wieder das kleine Matterhorn und damit die letzte Gondel abwärts. Wieder Schwein gehabt. Zufrieden schweben wir Zermatt entgegen und freuen uns schon auf unser wohlverdientes Bier. Für die nächste Tour ohne Bergführer heißt es nun noch mehr Erfahrung sammeln, damit das Sichern einwandfrei klappt.

Die erfolgreiche Dreierseilschaft

Die erfolgreiche Dreierseilschaft