Das Val d’Efra im Tessin zweigt vom Verzascatal ab, das für sein smaragdgrünes Wasser bekannt und an warmen Sommertagen auch von Badegästen überlaufen ist. Das Val d’Efra ist also Ruheoase für alle, denen der Rummel an der Verzasca zu viel ist.

Mal wieder verbringen wir ein Wochenende im wunderschönen Tessin. Der obligatorische Stau am Gotthard sorgt dafür, dass wir uns eine kurze Wanderung aussuchen. Eigentlich würden wir gerne am Lago Barone übernachten. Ihm entspringt die derzeit so gehypte Verzasca. Allerdings liegt er auf fast 2400 Metern und unseren Berechnungen nach unterschreitet die vorhergesagte Tiefsttemperatur die Wärmeleistung unserer Schlafsäcke um einige Gräder.

Also entscheiden wir uns für eine Wanderung im Val d’Efra, das kurz vor Sonogno nach Osten abzweigt. Wie es der Zufall will, ist die Wanderung von der Capanna d’Efra nach Frasco eine Etappe der roten Via Alpina, auf der wir diesen Sommer vier Wochen ab Triest unterwegs sein werden.

Wir parken an der Kirche San Bernardo d’Aosta. Wunderschön im typischen Tessiner Look, ebenso wie die Häuser von Frasco. In dem vielen Grün rund um Frasco wirken die grauen Steinbauten so richtig heimelig und gemütlich. Für alle Damen, die wie BabyMufflon vor der Wanderung gerne eine Pinkelpause einlegen – bei der Kirche gibt es kein WC. Aber es gibt im Bushäusle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Und wer Lesestoff für die Ferien benötigt – einen öffentlichen Bücherschrank gibt es dort auch.

Kirche von Frasco

Bei der Kirche in Frasco startet der Aufstieg zur Capanna d’Efra

Nach einem kurzen Bummel durchs Dorf füllen wir an einer Quelle unsere Wasserflaschen neu auf und folgen dann dem Weg ins Grüne. Durch mehr oder weniger dichten Wald führt er zunächst sanft, dann steiler werdend nach oben. Ab und zu passieren wir ein kleines Häuschen. Andere Wanderer sind nicht viele unterwegs, obwohl das Verzascatal gut besucht ist. Die meisten kommen jedoch zum Baden in der türkisgrünen Verzasca.

Val d'Efra

Grün…

Wir freuen uns, dass die Wanderung durch viel Wald geht, der angenehmen Schatten spendet. Es ist zwar trotzdem recht schwül, aber wir wollen uns nicht vorstellen, wie anstrengend der Aufstieg in der prallen Sonne wäre. Denn heute tragen wir viel Gepäck bei uns – sozusagen die Generalprobe für die Via Alpina. Einige der Bachüberquerungen werden mit dem Gewicht auf dem Rücken für BabyMufflon zur Herausforderung – das ohnehin kaum vorhandene Gleichgewichtsgefühl verringert sich durch den Ballast noch weiter. PapaMufflons Hilfe sei dank bleiben aber alle Füße trocken.

Val d'Efra

…grün…

Val d'Efra

…grün! Durch viel grün geht es – zum Glück oft durch schattenspendenden Wald hinauf zur Alpe d’Efra

Beim Marschieren durch den Wald bemerken wir nicht, dass der Himmel sich allmählich zuzieht. Der Wetterbericht hatte keinen Regen, geschweige denn Gewitter vorhergesagt. Als wir die Alpe d’Efra passieren, nehmen wir die Wolken zur Kenntnis, denken uns aber nichts dabei. Es sind nur noch 35 Minuten bis zum Lago d’Efra, unserem Ziel. Dort wollen wir unseren neuen Kameraden, den Gaskocher, einweihen. Wir lassen uns nicht beirren und laufen zügig weiter. Als es zu tröpfeln beginnt, sind wir der festen Überzeugung, dass es nur eine kurze Undichtigkeit einer einzelnen Wolke ist. Kein Grund, die Regenjacke rauszuholen.

Doch, was ist das? Plötzlich durchschneidet ein lautes Donnergrollen die Luft. Oh, oh…. haben wir die Lage falsch eingeschätzt? Ja, das haben wir! Nur Augenblicke später öffnet der Himmel alle Schleusen und der Regen prasselt nur so auf uns herab. Zum Glück sind wir noch nicht sehr weit weg von der Alpe. Angesichts der geänderten Lage entscheiden wir uns zu sofortiger Umkehr, um in den Alpgebäuden Unterschlupf zu suchen. Im Laufschritt eilen wir den Weg entlang. Es donnert immer wieder und das Gewitter scheint uns entgegen zu kommen. Doch eine andere Wahl haben wir nicht. Wir wollen unter diesen Umständen nicht noch weiter aufsteigen und die Capanna d’Efra – die nächstgelegene Hütte auf dem Weg nach oben – ist noch mehr als eine Stunde entfernt. Unter den Regen mischt sich nun auch noch Hagel. Zum Glück sind die Körner nur Stecknadelkopf groß, doch auch die können auf nasser, nackter Haut ganz schön pfetzen. Bei Schlechtwetter hat man ein ganz anderes Zeit- und Entfernungsempfinden. Die Alpe scheint nicht näher zu kommen, obwohl wir (fast) rennen.

Gewitterwolken

Da braut sich was zusammen

Als wir endlich, endlich die ersten Gebäude der Alpe erreichen, werden wir gleich von anderen Wanderern in eine Hütte gewunken. Wie begossene Pudel treten wir dankbar herein. Selten waren wir so froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. In dieser Situation wird selbst eine spärlich ausgestattete Hütte zu einem Palast. Gut, dass wir ein Handtuch und trockene T-Shirts im Rucksack haben.

Nachdem wir uns trockengelegt und warme Sachen angezogen haben, wird erst mal ein zünftiges Vesper ausgepackt. Feine Brötchen mit Landjäger. Dazu getrocknete Mangoschnitze. Das haben wir uns jetzt wirklich verdient. Gut gesättigt beginnt das Warten darauf, dass sich der Regen verzieht. Doch dem scheint es im Val d’Efra ebenfalls gut zu gefallen. Er denkt gar nicht daran, aufzuhören.

Alpe d'Efra

Die Alpe d’Efra gewährt Unterschlupf und Schutz vor Regen, Hagel und Gewitter

Eine ganze Zeit ist vergangen, als es heller wird und der Regen aufhört. Wir nutzen die Gunst der Stunde und machen uns auf den Heimweg. Nach wenigen Minuten stellt sich heraus, dass der Regen nur ein kleines Verschnaufpäuschen gemacht hat. Er legt wieder richtig los. Wenigstens hat er seine Kumpels Hagel und Gewitter nicht mitgebracht.

Regen im Val d'Efra

Singing in the rain – bzw. hiking in the rain!

Nass, aber glücklich erreichen wir Frasco. Auf der Weiterfahrt zum Lago Maggiore statten wir noch Lavertezzo einen kleinen Besuch ab. Seit vor Kurzem ein Influencer ein Video vom Val Verzasca gepostet hat, in dem er es als ‚Malediven von Mailand‘ anpreist, platzt Lavertezzo bei schönem Wetter aus allen Nähten. Nach dem Gewitter von vorhin sind die meisten Menschen verschwunden, aber Müllberge auf der Straße zeugen noch davon, wie es hier am Mittag zugegangen sein muss. Essensreste, Plastiktüten, sogar benutzte Windeln – man findet alles, was man nicht finden will.

Die Verzasca ist wunderschön. Und die Ponte dei Salti in Lavertezzo ein ganz besonderes Schmuckstück. Schade, dass dieses Juwel durch Menschen mißbraucht wird, denen ein cooles Bild für Instagram und Party wichtiger ist als Respekt vor der Natur. Es bleibt zu hoffen, dass der Hype wieder abflaut und das Verzascatal nicht zu einer Partymeile verkommt.

Lavertezzo Verzascatal

Nach Gewitter und Regen sind am Abend die Massen aus dem Verzascatal verschwunden