Anreise mit Hindernissen

Es gibt diese Wanderziele, die es einem angetan haben. Die man unbedingt besuchen möchte, aber irgendwas kommt immer wieder dazwischen. Schlechtes Wetter, eine Verletzung, anderweitige Verpflichtungen. So geht es uns seit nunmehr zwei Jahren mit der Cadlimohütte

Doch heute soll es endlich soweit sein. Unser Ränzlein ist geschnürt, alle Utensilien ins Auto verfrachtet und dem Aufstieg zur Hütte vom Lukmanierpass durchs Val Cadlimo steht nichts mehr im Wege. Doch was ist das?! Kaum will PapaMufflon den Motor des Mufflonomobils anlassen, leuchtet in Knallrot ein Warnlämpchen auf. ‚Potentieller Motorschaden‘ – das verheißt nichts Gutes. Angesichts dessen, dass der planmässige Wartungstermin bereits seit knapp 20000 Kilometern überschritten ist und wir bereits mahnende Worte von PapaMufflons Papa bekommen haben, bedeutet das: wir fahren heute nicht mit dem Auto.

Doch man ist ja flexibel. Die Cadlimohütte ist auch vom Gotthardpass aus erwanderbar, den wir in nur zwei Stunden per Bus und Bahn erreichen können. So verspricht es zumindest die Seite der SBB. Also sitzen wir im nächsten Zug und lassen uns gen Süden kutschieren. Bis Airolo läuft die Fahrt wie am Schnürchen. Wir sind bereits in Sichtkontakt zum Gotthard und warten nur noch auf den Bus, der uns über die Passstraße nach oben befördert. Der Bus kommt und kommt nicht. Naja, wir sind ja schon fast in Italien, da nimmt man es nicht so genau mit dem Fahrplan, denken wir uns. Nach einer Zeit werden wir doch unruhig und fragen bei einem pausierenden Busfahrer nach. ‚Der Bus auf den Gotthard?‘ meint er. ‚Der fährt erst ab morgen‘. Wie morgen? Hä? Er rät uns, ein Taxi zu nehmen. Kostenpunkt: 70 CHF. Äh – nein. Sicher nicht! Wir sind nicht umsonst aus dem Dunstkreis von Schwaben.

Wie gut, dass es noch mehr Wege gibt, die zur Cadlimohütte führen. Und dass BabyMufflon sie alle fleissig studiert hat. So hat es ruckzuck Plan C aus dem Ärmel geschüttelt. Und der lautet: mit dem Bus nach Piotta Posta, mit dem steilen Bähnle rauf zum Ritomsee und von dort per pedes zur Cadlimohütte. Getreu dem Motto ‚Aller guten Dinge sind drei‘, gelingt es uns im dritten Versuch endlich, an einen Startpunkt unserer Wanderung zu kommen. Um 14:30 Uhr können wir tatsächlich loswandern. 

Der Aufstieg zur Cadlimohütte – vom Sommer (fast) in den Winter

Der Aufstieg zur Cadlimohütte beginnt an der Bergstation der Ritombahn. Zunächst geht es auf einem Asphaltsträßchen fast eben zum Ritomsee und um den See herum. Man könnte bis hierher auch mit dem Auto fahren. Der Ritomsee ist 1,49km² groß und für die Tessiner Energieversorgung von großer Bedeutung. Nähere Informationen zum See und zu den Betriebszeiten der Bahn gibt es auf der Seite ritom.ch.

Ritomsee

Im Ritomsee staut ein Kraftwerk der SBB sein Wasser.

Nach dem See geht es auf gutem Wanderweg als nuff zur Alpe Tom, die idyllisch am Lago di Tom gelegen ist. Der See wartet sogar mit einem kleinen Sandstrand auf. Doch PapaMufflon hat es eilig und drängelt. Er hat sich zu einer Hochtourenwoche angemeldet und will noch einen Gipfel erklimmen zwecks Konditionstraining.

Blick über den Lago di Tom

In einem Talkessel umgeben von samtig grünen Bergen liegt der Lago di Tom. Für Badenixen verfügt er sogar über einen Sandstrand

Im nächsten Teilstück schmücken zahlreiche blühende Alpenrosenbüsche den Weg. Nicht nur für Fans der Farbe Pink ein schöner Anblick – so schön wie sich die Blüten vom saftigen grün der Wiesen abheben. 

Alpenrosen und Küchenschelle vor Lago di Tom

Im Frühsommer zieren Alpenrosen in leuchtendem Pink die Landschaft – ein Traum für ein jedes BabyMufflon. Dazu gesellt sich eine haarige Küchenschelle – bitte berichtigen, falls wir uns irren! Wir sind keine großen Botaniker…

Herrlich ist auch der Blick zurück zum Lago di Tom, dem grün bewachsene Berge Spalier stehen. Wir kommen aus dem Schauen und Staunen kaum heraus. Alle paar Schritte bleiben wir stehen und saugen das Panorama in uns auf. Geknipst wird natürlich auch jede Menge. 

Panorama am Lago di Tom

Ein großartiges Panorama herrscht oberhalb des Lago di Tom.

Auf diesem Weg gilt: nach dem See ist vor dem See. Denn schon bald folgt der Lago di Taneda. Allmählich merkt man, dass der Winter hier oben noch nicht lange vorbei ist. Schneefelder tauchen auf und der Lago di Taneda ist noch zu einem Teil von Schnee bedeckt. 

Lago di Taneda - Schneeschmelze

Auf dem Lago di Taneda kämpft der Schnee noch ums Überleben. Doch der Sommer wird sich wohl durchsetzen

Auf einem kleinen Schneefeld probieren wir das erste Mal unsere neuerworbenen Grödel (tatsächlich selbstgekauft), die Chainsen Pro von Snowline, aus. Diese kleinen Spikes kann man dank Gummizugbefestigung ganz fix an die Schuhe schnallen und nach Gebrauch ebenso schnell wieder entfernen. Herkömmliche Grödel wurden umständlich mit Riemen befestigt. Sehr kompliziert, was – zumindest bei uns – oft dazu führte, dass sie gar nicht angezogen wurden. Wenn Du mehr über die  Schneeketten für die Wanderschuhe wissen möchtest – Heike hat auf ihrem Blog einen Testbericht dazu verfasst.

Kurz vor dem Lago Scuro sehen wir, dass sich in den Felsen jemand bewegt. Zwei Steinböcke ziehen durchs Revier. Etwas gerupft durch den Fellwechsel sehen sie aus. Es ist immer wieder ein grandioses Erlebnis, diese majestätischen Tiere live zu treffen. Unfassbar, mit welcher Geschicklichkeit und Leichtigkeit sie durchs Gelände turnen.

Steinböcke im Tessin

Unsere erste Steinbockbegegnung seit Langem! Diese majestätischen Tiere faszinieren immer wieder von Neuem

Genauso plötzlich wie sie aufgetaucht sind, sind die beiden Tiere wieder hinter dem nächsten Berg verschwunden. Wir setzen unseren Weg zum Lago Scuro fort. Spätestens jetzt wird uns klar, dass aus unserem geplanten Ausschwimmen nach der Wanderung nichts wird. Eine geschlossene Eisdecke hat der See zwar nicht mehr, aber er ist noch gut mit Eisschollen bedeckt und zum Baden nur für ganz harte Kerle geeignet. Wir begnügen uns mit ankucken und nehmen am Ufer eine kleine Stärkung ein.

Lago Scuro mit Eisschollen

Je höher wir kommen, umso winterlicher die Verhältnisse. Auf dem Lago Scuro schwimmen genüsslich zahlreiche Eisschollen umher. Und wir haben Badesachen eingesteckt…

Bald stellen wir fest, dass die Zeit schon weit fortgeschritten ist. Dass wir es zum Abendessen nicht schaffen würden, hatten wir uns schon nach den morgendlichen Verzögerungen gedacht und auf der Hütte Bescheid gegeben. Nach einigen Schneepassagen oberhalb des Lago Scuro erreichen wir die Cadlimohütte. Wir stellen die Rucksäcke ab und steigen über den Bergrücken Richtung Hüttenberg Piz Curnera auf. BabyMufflon bleibt an einem blumenreichen Fleckchen zurück und überlässt PapaMufflon den alleinigen Gipfelsturm. 

Alpenmansschild vor Punta Negra

Zartrosane Alpenmannsschilder geben dem Blick auf die Punta Negra ein farbliches Highlight

PapaMufflon entdeckt von oben einen weiteren, versteckt gelegenen See. Türkisfarben schillert das Wasser im Abendlicht. Nach einer kleinen Kraxelei ist der Gipfel schnell erreicht. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sollte man für diesen Abstecher auf jeden Fall mitbringen. 

Piz Curnera Hausberg Cadlimohütte

Fast ein bisschen unwirklich – die türkisgrüne Farbe eines Bergsees, den man vom Piz Curnera aus sieht

Den restlichen Abend verbringen wir gemütlich auf der Hütte. Das Abendessen haben wir zwar verpasst, bekommen aber noch eine wärmende Suppe und feines Brot. Dazu ein Radler bzw. Holunderblütenschorle. Neben einem weiteren Pärchen sind wir die einzigen Gäste. Wir tauschen uns aus über bereits erlebte Wanderungen und welchen Weiterweg wir am nächsten Tag planen. 

Für die Nacht bekommen wir ein ganzes Lager für uns alleine. Wir haben genug Platz und niemand schnarcht. Was für ein Luxus! Das Beste kommt aber nach dem Aufwachen – der Blick aus dem Fenster fällt direkt auf eine Steinbockfamilie, die sich am hütteneigenen Salzleckstein ihre morgendlichen Mineralien abholt. Wann hat man schon morgens direkt so ein tolles Erlebnis? 

Steinböcke vor der Cadlimohütte

Ist es nicht ein Traum, von diesem Blick aus dem Fenster geweckt zu werden? Eine Steinbockfamilie nimmt genüsslich eine Mineralienmahlzeit am Salzleckstein vor der Cadlimohütte ein

Nach dem ausgiebigen Frühstück heisst es Abschied nehmen, von der Cadlimohütte. Heute soll es zum Lukmanierpass gehen. Da PapaMufflon trainieren möchte, wählen wir den Weg zurück zum Lago di Tom und dann am Lago Cadagno vorbei über den Passo del Uomo zum Lukmanierpass.

Lago Cadagno und Ritomsee

Abstieg zum Lago Cadagno (links). Rechts sieht man den Ritomsee

Der Weg durchs Val Piora bis zum Passo del Uomo ist wunderschön. Der Abstieg von dort zum Lukmanierpass ist allerdings sehr steinig und macht so gar keinen Spass zu gehen. Wir würden beim nächsten Mal den Weg durchs Val Cadlimo wählen. 

Ab dem Lukmanierpass geht es mit Bus und Bahn zurück nach Luzern. Es war eine traumhaft schöne 2-Tagestour. Allein die Steinbockbegegnungen waren es mehr als wert, eine etwas umständliche An- und Abreise in Kauf zu nehmen. 

Val Piora mit Alpenrosen

Durchs Val Piora geht es – wieder begleitet von Alpenrosen – zum Passo del Uomo