Ab ins Kiental – nachdem wir bisher in zwei Jahren Schweiz nicht dazu gekommen sind, die Griesalp zu erkunden, wollen wir ihr heute mit Schneeschuhen einen Besuch abstatten. Dank guter Straßenverhältnisse und dem nicht allzu schneereichen Winter, ist der Brünigpass auch im Februar geöffnet und wir müssen nicht den großen Bogen über Bern nehmen. Bis Kiental sind die Straßen schneefrei.

Erst als wir zum Parkplatz Tschingel fahren wollen, blickt uns ein Schild mit Schneeketten entgegen. Wir sind unsicher, ob wir trotzdem weiterfahren sollen. Schneeketten haben wir keine und der Weg ist nicht geräumt. Als wir unschlüssig auf dem Parkplatz vor dem Schild rumstehen, fahren 2 Autos an uns vorbei, die auch nicht wirklich nach Allrad und Schneeketten aussehen. ‚Also hopp‘ denken wir uns. ‚Was die können, können wir auch‘. Und ab geht’s in Richtung Tschingelparkplatz. Die Steigung bis dorthin ist nicht allzu stark, so dass es kein Problem ist ohne Schneeketten und Allrad. Und es stellt sich heraus, dass wir keine Sekunde länger hätten zögern dürfen, denn wir erwischen eine der letzten Parkmöglichkeiten.

Moment – hatte unser Wanderbuch nicht von einem Geheimtipp gesprochen? In idyllischer Einsamkeit haben wir uns unsere Spur ziehen sehen. Und nun stehen wir hier inmitten einer Horde Tourengeher, die schon mit den Skiern scharrt. Schnell laufen wir los, um der Meute zu entkommen. Die Schneeschuhe bleiben erst mal am Rucksack, denn die Straße zur Griesalp ist gewalzt, so dass man auch mit nackigen Schuhen nicht einsinkt.

Die Straße zur Griesalp ist übrigens mit bis zu 28%-Steigung die steilste Postautostrecke Europas. Von Ende Mai bis Mitte Oktober wird dieses spektakuläre Vergnügen angeboten. Außerhalb der Saison muss man den Weg zu Fuß nehmen. Im Winter kann man den Weg nach unten auch im Schlitten runtersausen. 

Im Sommer die steilste Postautostrecke Europas – im Winter Rodelbahn: die Straße zur Griesalp

Es dauert nicht lange und wir erreichen die Griesalp auf 1400 m Höhe, die in eindrücklicher Kulisse am Fuße der Blüemlisalp liegt. Diverse Hotels und Gasthäuser laden, sofern man sich die Preise leisten kann, zum Verweilen ein. Wir marschieren direkt weiter, schließlich sind wir gerade erst losgelaufen.

Hier ließe es sich eine Weile aushalten – im Grand Hotel Griesalp

Mit dem gewalzten Weg ist es nun zu Ende, denn schon kurz nach der Griesalp zweigt unser Weg ab in den tiefen Wald. Unsere Schneeschuhe, die die ganze Zeit ungeduldig am Rucksack gebaumelt haben, kommen nun zum Einsatz. Der Weg ist nicht schwer zu finden, eine gute Spur leitet uns durchs Gelände. Vor uns ein Pärchen bestehend aus einem Skitourler und einer Snowboarderin, die für den Aufstieg Schneeschuhe nutzt. Hinter uns eine große geführte Gruppe Skitourengeher. 

Bei der Alpe Dünde Mittelberg liegt noch ein ganzes Stück Weg vor uns

Da BabyMufflon es nicht mag, wenn wir viele Leute im Nacken haben, wollen wir die Gruppe an der Alpe Dünde Mittelberg passieren lassen. Doch da haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn just entscheiden sie sich, an der Alpe eine Pause einzulegen. So lange wollen wir nicht warten und ziehen erst einmal weiter. Auch das Pärchen, in dessen Windschatten wir uns bisher bewegt haben, entscheidet sich für etwas Erholung, so dass wir das nächste Stück erst mal alleine unterwegs sind. 

Jede Menge Schnee gibt es auf der Alp Obere Dünde – das kostet Kraft beim Spuren

Je weiter wir nach oben kommen, umso tiefer die Schneedecke. Und umso anstrengender wird es, eine eigene Schneeschuhspur zu legen. Bei der großen Überzahl der Skitourengeher gegenüber den Schneeschuhläufern (wir sind die einzigen an diesem Tag) wagen wir es nicht, deren Mißgunst auf uns zu ziehen, indem wir ihre Spur zertrampeln. Ab der Alp Obere Dünde wird es hart. Durch die Sonne ist der Schnee recht sulzig und damit rutschig. An steileren Passagen heißt das: ein Schritt vor, zwei zurück.

Der Chistihubel kommt in Sicht. Das letzte Stück zieht sich wie ein zäher Kaugummi. Der Gipfel kommt und kommt nicht näher. Hitzewallungen, Durst, Hunger, Schwächegefühl. Das sind die Momente, in denen man sich fragt: Warum in Gottes Namen tue ich das? Was will ich hier? Die Frage beantwortet sich einige Minuten später als wir den Gipfel tatsächlich erreichen. Wegen dem Glücksgefühl, das einen beim Erreichen des Gipfels überkommt. Diese atemberaubende Aussicht kann einem kein Fernsehprogramm der Welt bieten. Das muss man selbst erleben. 

Am Gipfel des Chistihubel ist es alles andere als einsam – an die 20 Skitourengeher leisten uns Gesellschaft

Bereits um die 20 andere Bergfreunde, alle mit Tourenski unterwegs, machen am Gipfel Rast und saugen das Panorama in sich auf. Wenn man hier seine Batterien nicht aufladen kann, wo dann? Zum Glück ist am Gipfel genug Platz für alle. Das Vesper schmeckt ganz ausgezeichnet und die Sonne wärmt angenehm. 

Der Dündengrat führt zum Dündenhorn

Wir verbringen eine ganze Weile auf dem Chistihubel. Doch schließlich müssen wir aufbrechen, denn wir werden ein wenig länger benötigen als die Skifahrer. Etwas mitleidig schaut uns der ein oder andere an, als wir wieder unsere Riesenfußuntersätze anschnallen. Doch wir fühlen uns nicht bemitleidenswert. Denn wir haben viel mehr Zeit, die schneeverzauberte Landschaft zu genießen. Und in unverspurtem Tiefschnee kommt man auch mit Schneeschuhen recht flott voran, wenn es abwärts geht. Und das bei wesentlich geringerer Verletzungsgefahr.

Abstieg durch frischen Tiefschnee macht Spaß!

Gewöhnliche Steine und Felsen verwandeln sich im Winter in riesige Schneehubbel. Oft weiß man gar nicht, was sich unter den Schneehaufen befindet. Ist es ein Baum? Ein Holzstapel? Ein Stein? Ein Gnom?

Sehr interessante Schneepocken

Als wir uns der Griesalp nähern, verschwindet die Sonne allmählich hinter den Bergen und es wird schattig. Die Füße werden auch so langsam etwas schwer. Unseren Plan, noch eine heiße Schokolade auf der Griesalp einzunehmen, verwerfen wir. Es ist immer schwer, sich nach einer Pause zum Weitergehen aufzuraffen. Lieber gleich durchlaufen und sich zu Hause belohnen. 

So langsam verschwindet die Sonne hinter den hohen Bergen und es wird schattig

Griesalp und Chistihubel mit Schneeschuhen sind eine sehr lohnenswerte Wanderung. Nicht wirklich ein Geheimtipp, aber das tut der Schönheit der Unternehmung keinen Abbruch. Wir werden der Griesalp auch im Sommer einen Besuch abstatten, nämlich bei einer Mehrtageswanderung von Mürren über die Sefinenfurgge kommend und dann weiter übers Hohtürli nach Kandersteg

 

Hinweis: Bei Winterwanderungen im Schnee herrscht Lawinengefahr – nur mit LVS, Sonde, Schaufel und Studium des Lawinenbulletin unternehmen und vorher eine Lawinenausbildung machen!