Wir schreiben das Jahr 2013. Im Herbst erfüllen wir uns einen langgehegten Traum und bereisen den Wilden Westen der USA. Logisch – auf unserer ToDo-Liste stehen die einschlägigen Nationalparks wie Bryce-Canyon, Arches NP und selbstverständlich der Grand-Canyon. Sogar ein Permit für eine Übernachtung unten im Canyon konnten wir im Vorfeld ergattern.

Das große Abenteuer erwartet uns. Alles soll gut werden, nachdem wir drei Jahre zuvor eine dreimonatige USA-Rundreise abblasen mussten, weil PapaMufflon sich beim Karate das Knie verdreht hatte und eine OP fällig wurde.

Doch wie es das Leben manchmal so will, kommt auch im zweiten Anlauf alles anders. Am 01. Oktober beginnt in den USA das neue Haushaltsjahr und blöderweise hat der Kongress die Haushaltsmittel nicht bewilligt. Es kommt zum Government Shutdown.

Erst beim zweiten Hinhören begreifen wir, dass dieser Shutdown unsere Urlaubspläne komplett über den Haufen werfen wird: sämtliche Nationalparks sollen vorübergehend geschlossen werden! Dauer – ungewiss. Wir können uns nicht vorstellen, dass die Amis damit tatsächlich ernst machen. Das kann doch nicht sein, dass viele, viele Touristen um die halbe Welt fliegen, um die weltberühmten Naturwunder zu bestaunen und dann machen die die Parks einfach dicht. Das darf nicht wahr sein und das wird bestimmt nicht wahr sein. Oder etwa doch?

Als wir am nächsten Morgen den Bryce Canyon entern wollen, sind tatsächlich alle Tore verriegelt. Wir überlegen, ob wir versuchen sollen, uns von hinten her in den Park zu schleichen. Aber da die Amerikaner im Gegensatz zu uns Deutschen als recht schießwütig bekannt sind, trauen wir uns das nicht. Zu diesem Zeitpunkt sind es bis zum Höhepunkt unserer USA-Reise, dem Grand Canyon, noch einige Tage Zeit. Jeden Tag hoffen und bangen wir, dass der Shutdown aufgehoben und die Parks wieder geöffnet werden. Leider vergeblich.

Nationalpark geschlossen - doof!!!

Nationalpark geschlossen – doof!!!

Wie gut, dass PapaMufflon den ausgefallenen USA-Trip Nummer 1 mit Liebe zum Detail vorbereitet hatte. Aus diesem Fundus können wir nun schöpfen. Er erinnert sich an ein paar genial türkisblaue Wasserfälle – die Havasu Falls. An Schönheit mindestens genauso beeindruckend wie der Original-Grand-Canyon-Schauplatz. Und das Beste: sie liegen zwar auch im Grand Canyon, aber nicht im Nationalpark, sondern im Indianerreservat der Havasupai. Somit sind sie nicht geshutdowned. Juhuu! Und ein Permit benötigt man laut unserer fix gemachten Recherchen nur für die Übernachtung auf dem Campground. Also planen wir den Trip ohne Übernachtung und wollen sowohl Abstieg zum Wasserfall als auch Rückweg an einem Tag zurücklegen. Da der Weg recht lang ist – über 30 Kilometer um genau zu sein, solltet ihr das Unternehmen nur als Dayhike angehen, wenn ihr wirklich fit seid! 

Los geht es kurz nach Mitternacht in Page. Die Fahrt zum Havasupai Campground Parking Lot ist weit. Fünf Stunden laut Routenplaner. An sich schon weit genug, doch es gibt Komplikationen…

Ein Auto muss bekanntlich regelmäßig betankt werden, wenn man will dass es weiterfährt. Nun hatten wir damit gerechnet, dass vor dem Abzweig auf die einsame Straße Richtung Trailhead noch eine Tankstelle kommt, die unser Mietmobil vor dem Verdursten bewahren wird. Ein folgenschwerer Irrtum. Zwar kommen wir an einer Zapfsäule vorbei. Doch die hat ihren letzten Tropfen Benzin bestimmt zu Zeiten von Adam und Eva ausgeschenkt. Das bedeutet für uns: 40 Minuten zurückfahren zur nächstgelegenen Tankstelle. Ja – in den USA herrschen andere Dimensionen als in Good Old Germany. Nicht nur die Burger sind XXL, auch die Entfernungen! Macht einen Zeitverlust von 1,5 Stunden. Aber immer noch besser, als in der Pampa ohne Benzin stehen zu bleiben.

Einige Zeit später sind wir also zurück auf Los und biegen auf den Highway 18 Richtung Trailhead ein. Die Fahrt verläuft bis auf einen Hirsch, der plötzlich auf der Straße steht und in unser Auto glotzt, reibungslos. Um halb acht am Morgen erreichen wir glücklich den Trailhead zum Pfad, der uns zu den paradisischen Fällen leiten soll.

Schnell noch wichtige Angelegenheiten auf dem zur Verfügung stehenden Plumpsklo erledigt und dann kann es auch schon losgehen. Doch was ist das? Da hängt ein Schild auf dem in großen Lettern steht: ‚Absolutely no dayhikes‚. Schluck! Im Internet hatten wir einige Berichte von Tageswanderungen zu den Wasserfällen gelesen. Dass das mittlerweile verboten sein könnte, daran hatten wir nicht im Traum gedacht. Ein paar Minuten stehen wir unschlüssig herum. Wollen wir es trotzdem wagen, in den Canyon hinab zu steigen? Auch auf die Gefahr hin, von den Indianern als unbefugter Eindringling entlarvt und zurückgeschickt zu werden? Ja, wir wollen! Wer wagt, gewinnt.

Streckenangaben unterwegs teilen dem Wanderer mit, wie weit es noch ist. Bei Regen drohen Flash Floods - man sollte sich dann unbedingt nach oben begeben.

Streckenangaben unterwegs teilen dem Wanderer mit, wie weit es noch ist. Bei Regen drohen Flash Floods – man sollte sich dann unbedingt nach oben begeben.

Wir wandern los. Diesmal geht es entgegen der Gewohnheit erst mal als nunna statt als nuff. Der Weg ist breit, aber recht steinig. Eine Sandschicht auf den Steinen macht aus dem Abstieg eine etwas rutschige Angelegenheit. Es ist nicht schwierig, läuft sich aber unangenehm. Die Landschaft ist recht karg und sieht tatsächlich aus wie in einem Wild-West-Film. Kein Wunder eigentlich – wir sind ja schließlich auch im Wilden Westen!

Langer, sanfter Abstieg in den Hualapai Canyon

Langer, sanfter Abstieg in den Hualapai Canyon

Nach einer halben Stunde – wir haben uns gerade richtig eingetrottet – begegnen wir ihm: unserem ersten Indiander. Mit einer Horde Maultiere und Pferde ist er auf dem Weg nach oben, um Waren oder Post für Supai abzuholen. Ist unser Trip nun zu Ende? Wird er uns zurück nach Hause schicken, weil wir kein Permit am Rucksack baumeln haben? Nein. Er reitet achtlos an uns vorüber. Wir müssen allerdings aufpassen, nicht von einem der Tiere zertrampelt zu werden.

Warentransport per Maultier

Warentransport per Maultier

Noch zahlreiche weitere Pferd-Maultier-Trupps passieren uns auf unserem Abstieg. Sobald wir Hufgetrappel hören, sehen wir zu, schnell aus dem Weg zu verschwinden. Denn sie haben es alle eilig. Im Trab geht es die 10 Meilen über 700 Höhenmeter hinauf. Dann wird das Gepäck aufgeschnallt. Und dann geht es auch schon wieder nach unten. Die Tiere sehen teilweise alles andere als fit aus und arbeiten im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Umfallen – wie wir später noch selbst sehen werden.

Nach einigen Stunden Wanderung erreichen wir das Supai-Dorf. Das Dorf hat wenig mit der Idylle aus Winnetoufilmen gemeinsam. Die Behausungen sind zerfallen, verrostete Fahrzeuge vegetieren vor sich hin. Kurzum – es sieht alles ziemlich trostlos aus. Hier bekommt man einen kleinen Einblick, wie sich das Leben für die Ureinwohner Amerikas in der modernen Welt abspielt. Sie leben inmitten wundervoller Landschaft, die einem Paradies gleicht. Und doch scheint hier kein Glück für sie zu liegen.

Eines der ersten Häuser ist das Touristenoffice, in der eine äusserst aufmerksame Mitarbeiterin ihren Dienst tut. Gerade als wir das Haus passieren, ruft sie uns zu sich. Wir fahren vor Schreck zusammen. Einige Stunden sind wir in der Hitze ins Tal gestiegen. Soll nun so kurz vor dem Ziel unser Unternehmen Havasu zu Ende sein?

Die Dame teilt uns mit, dass wir ein Permit vorher hätten bestellen müssen. Unsere großen bittenden Kulleraugen, unsere verschwitzte, mitleiderregende Gestalt oder vielleicht auch einfach ihr Geschäftssinn veranlassen sie schließlich doch dazu, uns ein Permit für an die 100 Dollar zu überreichen. Wir bezahlen gerne – um keinen Preis der Welt hätten wir umkehren und den ganzen mühsamen Weg wieder aufsteigen wollen, ohne den Wasserfall zu sehen.

Endlich geschafft! Die Havasu Falls sind erreicht!

Endlich geschafft! Die Havasu Falls sind erreicht!

Mit unserem Permit am Rucksack verlassen wir Supai. Erleichtert, jetzt legal unterwegs zu sein. Nun ist es nicht mehr weit bis wir die ersten Blicke auf wunderbar türkise Wasserläufe werfen können. Spezielle Mineralien verleihen dem Wasser diese einzigartige Farbe. Und dann klappt uns der Unterkiefer nach unten. Wir haben die Havasu Falls erreicht. Ein riesiger Wasserfall stürzt über rote Felsen in ein traumhaft türkises Wasserbecken. Grüne Bäume und Büsche ergänzen das Bild. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Szenerie ist zu schön, um wahr zu sein. Und: die Anzahl an Besuchern hält sich in Grenzen – wir sind fast allein.

Kleine Kaskaden mit Badepools

Kleine Kaskaden mit Badepools

Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen unter den Bäumen und genießen. Einfach nur schauen und den Augenblick auf sich wirken lassen. Es ist der perfekte Ort. Der perfekte Moment. Es ist das Paradies. Wir sind wie verzaubert. Kann man nicht hier die Zeit anhalten?

Nein, kann man leider nicht. Damit wir es im Hellen zurück zum Auto schaffen, müssen wir bereits nach einer Stunde wieder aufbrechen. Wir schießen noch einige Erinnerungsfotos, um das Paradies zumindest in ein jpg gebannt mit nach Hause nehmen zu können. Die schönsten Bilder haben wir mit dem Herzen geknipst, aber ein bisschen digitale Unterstützung kann nicht schaden.

Auf dem Rückweg tragen uns die Erinnerungen an das eben Erlebte leichtfüssig schwebend über den staubigen Boden. Doch die Huftiertrupps, die uns nun vollbepackt entgegenkommen, stimmen uns nachdenklich. Einige der Tiere bluten entweder am Rücken vom schweren Gepäck oder haben sich an den Beinen verletzt und hinterlassen hin und wieder auf dem Weg eine Blutspur. Ihr Tag war alles andere als paradiesisch. Und schon morgen müssen die meisten von ihnen erneut losziehen.

Schwer beladen kehren die Maultiere zurück - Vorsicht! Rechtzeitig ausweichen!

Schwer beladen kehren die Maultiere zurück – Vorsicht! Rechtzeitig ausweichen!

Den traurigen Höhepunkt erleben wir kurz vor unserer Ankunft am Parkplatz. Im steilen Anfangsteil des Abstiegs ist ein Pferd gestürzt und liegt auf dem Weg. Es sieht aus wie tot, erst als wir es passieren, bemerken wir, dass es noch schnauft. Wir fühlen uns ziemlich hilflos, da wir dem armen Tier nicht helfen können. Am Trailhead steht eine Reihe Pferde angebunden, die Koffer und Tragetaschen für Touristen geladen haben. Sie gehören zur Herde des verunglückten Pferdes. Ein Auto kommt gefahren. Es sind zwei Indianer. Vermutlich haben sie ein Gewehr geholt, um das Pferd zu erlösen.

Mit zwiespältigen Gefühlen fahren wir von dannen. Einerseits voller Euphorie darüber, den schönsten Ort unseres Lebens gesehen zu haben. Die Havasu Falls sind ein kleines Paradies. Auf der anderen Seite haben wir gesehen, wie nah Freud und Leid in diesem Canyon beieinander liegen. Aber vielleicht ist genau das die Botschaft, die uns das Leben an diesem Tag mitgeben will: Genieße den Moment, denn im nächsten Augenblick kann alles vorbei sein. 

 

Auch Christian und Katrin von Before We Die haben den Marsch zu den Havasu Falls als Dayhike bewältigt und berichten auf ihrem Blog von ihren Erfahrungen