Er ist das Wahrzeichen des Yosemite Nationalparks in Kalifornien: der Half Dome. Keine Frage, dass er ein lang ersehntes Ziel von uns ist. Doch wir haben kein Permit in der Preseason Lottery bekommen…

Typisch Kalifornien: Sommer, Sonne, Strand

Typisch Kalifornien: Sommer, Sonne, Strand

Nein – Kalifornien besteht nicht nur aus Sonne, Strand und Palmen. Kalifornien hat mehr zu bieten als Hollywood Hills und Golden Gate Bridge. Man kann in Kalifornien auch wunderschöne Wanderungen in grandioser Landschaft unternehmen. Zum Beispiel im weltbekannten Yosemite Nationalpark.

Permit für den Aufstieg

Unsere Unterkunft in der Yosemite Valley Lodge (man gönnt sich ja sonst nichts) haben wir schon lange im Voraus gebucht. Das Ergattern eines Permits für die Half-Dome-Besteigung ist im Vorfeld bedauerlicherweise weniger erfolgreich gelaufen. Wir  haben nämlich keines bekommen. Unsere einzige und letzte Hoffnung ruht jetzt auf der Daily Lottery. In den USA ist es üblich, dass für beliebte Trails die Anzahl der zugelassenen Wanderer beschränkt wird. Das ist einerseits eine tolle Sache, weil dadurch eine Überbevölkerung der Routen verhindert wird. Andererseits kuckt man eben in die Röhre und muss umplanen, wenn man kein Permit erhält.

Für die Daily Lottery kann man sich zwei Tage vor dem Wandertag bewerben (Alle Informationen zu den Permits und Kontaktdaten für die Lottery-Bewerbung findet ihr unter diesem Link). Diesmal meint es Fortuna gut mit uns – wir sind stolze Gewinner eines Permits für die Besteigung des Half Dome als Dayhike, also an einem Tag. Wer auf dem Little Yosemite Valley Campingplatz übernachten und die Tour als Zweitagestour machen will, braucht zusätzlich noch ein Wilderness Permit.

Abmarsch in der Frühe

Am Tag des Geschehens klingelt um 4 Uhr der Wecker. Wie verrückt muss man eigentlich sein, im Urlaub so früh aufzustehen? Schnell einen Happen frühstücken, in die Wanderklamotten gehüpft und schon geht es los. Um 4.40 Uhr starten wir am Trailhead-Parkplatz in der Nähe von Curry Village. Es ist noch tiefste Nacht. Fernab jeglicher Zivilisation leuchten die Sterne in einer Intensität, wie wir es noch nie erlebt haben. Staunend bewundern wir den Himmel. Doch dann müssen wir los. Ein weiter Weg liegt vor uns.

Ein Geist? Aufbruch am frühen Morgen

Ein Geist? Aufbruch am frühen Morgen

Mit Stirnlampen ausgerüstet machen wir uns auf den Weg. Auf dem Mist-Trail geht es in Richtung Vernal Falls. Der erste Teil der Strecke ist auf Turnschuh- und Sandalentouristen ausgelegt. Breit und asphaltiert. Wir kommen schnell voran.

Toilettenhäusle - es gibt mehrere unterwegs

Toilettenhäusle – es gibt mehrere unterwegs

Als wir uns den Vernal Falls nähern, dämmert es allmählich und wir können die Stirnlampen ausschalten. Genug Glühwürmchen gespielt für heute. Die Vernal Falls sind über den Sommer ziemlich ausgetrocknet und haben mit dem tosenden Wasserfall, den man von Bildern her kennt, nichts gemeinsam. Ein träges Rinnsal ist noch übrig geblieben und plätschert vor sich hin. Im Frühling sieht das Ganze mit Sicherheit bedeutend spektakulärer aus.

Vor den Vernal Falls - PapaMufflon mit Glatze

Vor den Vernal Falls – PapaMufflon mit Glatze

Die zahlreichen in Fels gehauenen Stufen am Wasserfall hoch sind schnell erklommen. Noch ein Stück geht es auf dem Mist-Trail weiter bis wir am nächsten Klohäusle auf den John-Muir-Trail abbiegen. Auf dem ganzen Weg sind übrigens in regelmäßigen Abständen Toiletten zu finden. Sehr angenehm für Wanderer mit schwacher Blase.

Nach etwa 3,5 Stunden passieren wir den Little Yosemite Valley Campingplatz. Wem die Half Dome Besteigung als Tagestour zu viel ist, der kann hier eine Übernachtung einlegen und die Tour auf 2 Tage verteilen. Wenn man es gediegender angehen will, eine durchaus gute Idee.

Wald Yosemite NP

Es geht noch eine ganze Weile auf gutem Wanderweg durch den Wald. Dann gelangen wir an die Granitgrenze, ab der es auf dem blanken Fels weitergeht.

Blick vom Subdome zum Half Dome

Blick vom Subdome zum Half Dome

Etwa in der Gegend steht wohl normalerweise auch der Ranger herum, der die Permits kontrolliert. Apropos Permit…wir haben uns zwar brav eines besorgt, haben es aber vor lauter Euphorie verdaddelt, es auszudrucken. Sprich – wir haben schwarz auf weiß keinen Beweis, dass wir uns legal in Richtung Half Dome bewegen. PapaMufflon meint, dass der Ranger in der digitalisierten Welt bestimmt direkt online nachkucken kann, dass wir ein Permit haben. Im Nachhinein gibt er aber zu, dass er daran selbst nicht geglaubt hat. Es ist unser Glück, dass wir so früh dran sind, dass noch kein Ranger Posten bezogen hat. So können wir uns ungehindert auf den nun über Granit führenden vorletzten Anstieg begeben.

Aufstieg zum Subdome

Aufstieg zum Subdome

So steil sind also 47°…

Und dann erreichen wir sie: die berühmt berüchtigten Cables. Zwei dicke Stahlseile, die einen die letzten 150 Höhenmeter bis zum Gipfel leiten. Stellenweise über 47° steil. Auf ein kleines Papier mit dem Geodreieck gezeichnet wirkt das eigentlich ganz harmlos. Wenn man in der Realität vor einer ganzen Wand in dieser Steigung steht, sieht das ganz anders aus. Es ist sausteil. Und fast ausschließlich blanker, schon etwas speckig gelaufener Fels ohne großartige Risse und Stufen, die Halt gewähren. Keine zehn Pferde würden BabyMufflon unter normalen Umständen dort hochbekommen. Doch hier im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist die Abenteuerlust geweckt. Außerdem will man sich schließlich nicht zu Hause die Blöße geben und erzählen müssen, dass man gekniffen hat.

Beginn der Seilsicherung

Beginn der Seilsicherung

Am Beginn der Cables liegt ein großer Haufen Handschuhe bereit. Es ist dringend zu empfehlen, sich hier zu bedienen. Ohne Handschuhe wird es unangenehm für die zarten Hände. Denn die Seile dienen nicht als Geländer, an dem man mal kurz die Hand auflegt. Man muss schon kraftvoll zupacken, wenn man nicht die Wand hinabkullern will. Wir hatten zwar unsere Klettersteighandschuhe dabei, haben aber trotzdem noch welche von diesen Handwerkerhandschuhen übergezogen. Bei denen sind dann auch die oberen Teile der Finger geschützt, die aus den Klettersteighandschuhen rauskucken.

Wir halten uns nicht lange mit Nachdenken auf. Sonst überlegt es sich BabyMufflon noch anders. Also die Handschuhe übergestreift, noch zwei absteigende Wanderer durchgelassen und dann geht es auf in den Kampf. Die ersten paar Meter sind zum Eingewöhnen. Dann wird es immer steiler. Uiuiui, bloß nicht nach unten sehen. Und auf keinen Fall das Seil loslassen.

Half Dome Cables

Half Dome Cables

In Action ist der Aufstieg steiler und anstrengender als Bilder es vermuten lassen. Alle paar Meter liegt eine Holzlatte quer, bei der es möglich ist, Halt zu machen, neue Kräfte zu sammeln und ggf. Gegenverkehr durchzulassen. Dann geht es mit Schwung weiter zur nächsten Holzlatte. Im letzten Drittel gibt PapaMufflon BabyMufflon Antriebshilfe und schiebt von hinten an. Mit puddinggleichen Armen erreichen wir den Gipfel auf 2693 Metern. Gedrängelt werden muss nicht, denn auf dem Plateau des Half Dome gibt es genug Platz für alle.

Blick zur Sierra Nevada

Blick zur Sierra Nevada

Die Aussicht entschädigt für alle Mühen. Man hat einen herrlichen Blick übers Yosemite Valley. PapaMufflon fotografiert eifrig in alle Himmelsrichtungen. Wir posieren auf dem legendären Felsvorsprung. Dann wird erst mal eine Runde chillaxed.

Familie Mufflon auf dem Felsvorsprung

Familie Mufflon auf dem Felsvorsprung

Yosemite Valley

Nach etwa einer Stunde machen wir uns an den Abstieg. Es kostet  Überwindung und eine Portion Mut, sich in die steile Wand zu begeben. Und: So anstrengend es war, sich an den Seilen nach oben zu hangeln, so kraftraubend ist es, sich daran nach unten abzuseilen.

Vor dem Abgrund

Vor dem Abgrund

Spätestens jetzt sind wir froh, dass wir ein paar der ausliegenden Arbeitshandschuhe dabei haben. Die geben den nötigen Grip und schonen die zarten Hände vor Verbrennungen. Mittlerweile erreichen immer mehr Leute den Gipfel, so dass wir mehr Gegenverkehr haben als beim Aufstieg. BabyMufflon landet das ein oder andere Mal in den kräftigen Armen eines Aufsteigers. Das ist der Vorteil eines noch einigermaßen jugendlichen Knackarschs – jeder Mann greift unverzögert beherzt zu.

So abenteuerlich der Drahtseilakt ist – wir sind froh als wir wieder die Basis erreichen und festen Boden unter den Füßen haben. Und ganz schön geschafft. Doch es stehen noch etwa 4,5 Stunden Rückweg an.

Baumstumpf

Die Beine werden mit der Zeit immer schwerer und wir legen einige ausgiebige Pausen ein. Um nicht komplett denselben Rückweg zu haben, nehmen wir diesmal den John-Muir-Trail vorbei an den Nevada Falls. Der Weg hat den Vorteil, dass man es an vielen Stellen einfach laufen lassen kann.

Half Dome mit Nevada Falls

Half Dome mit Nevada Falls

Je näher wir dem Ende kommen, umso mehr füllt sich der Weg mit Tagestouristen, die einen der Wasserfälle begutachten wollen. Wir nähern uns der Zivilisation. Um 17:30 Uhr erreichen wir mit schmerzenden Füßen und hängender Zunge, aber stolz geschwellter Brust den Trailhead, an dem wir vor Tagesanbruch zu unserem Abenteuer gestartet sind. Ein unvergesslicher Tag liegt hinter uns. Er hat uns viel abverlangt an Durchhaltevermögen, Mut und Kraft. Und uns noch viel mehr gegeben – traumhafte Landschaft, unberührte Natur, Stolz über die eigene Leistung.

Ein Squirrel

Ein Squirrel

Damit ist unsere Mission Yosemite NP erfolgreich abgeschlossen. Am nächsten Tag setzen wir unseren USA Road Trip fort in Richtung Sequoia NP zu den Mammutbaumriesen.

Gewaltige Mammutbäume im Sequoia Nationalpark

Gewaltige Mammutbäume im Sequoia Nationalpark