Nur wo Du zu Fuß warst, bist Du auch wirklich gewesen.

Johann Wolfgang von Goethe

Wandern aus Sicht des Nichtwanderers

Für den Nichtwanderer ist es schwer zu begreifen: warum um alles in der Welt kommen Menschen auf die Idee mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken loszuziehen. Sich über steile Pfade den Berg hinauf zu schinden. Mit der Bergbahn schwebt man doch viel schneller und ganz ohne Mühen auf den Gipfel. Und die Ballerinas (oder wahlweise Highheels) kann man dabei auch anbehalten.

Was bewegt die Menschen dazu, sich schmerzhafte Blasen an die Füße zu laufen? Warum geht man stundenlang durch die sengende Hitze – oder bei Wind und Wetter durch Regen, Schnee und Kälte?

Und warum übernachten 40 wildfremde Menschen dicht an dicht mit Schlafsack und Wolldecke in einem Lager unterm Hüttendach? Ungeduscht, verschwitzt und mit dem Duft von Käsefüßen. Den Klang einiger Schnarchvollprofis im Ohr. In der heutigen Zeit, wo es so schöne Luxushotels mit allem drum und dran gibt.

Diesen Fragen wollen wir nun auf den Grund gehen und das Rätsel des Wanderns lüften.

Natur sehen und erleben

Beim Wandern ist man mittendrin in der Natur. Im Wald. Im Gebirge. Eine der wenigen Gelegenheiten, bei der wir heute noch hautnah mit ihr in Berührung kommen.

Für alle Sinne gibt es etwas zu entdecken. Der Duft von frischen Tannennadeln liegt in der Luft. Vögel begrüßen zwitschernd den Tag. Zarte Blümchen erfreuen uns mit ihren Farben. Und beim Vesper auf der Wiese spüren wir das Gras unter uns.

Auf Schusters Rappen gelangen wir an Orte, die wir mit keinem Verkehrsmittel (Abseilen aus dem Hubschrauber mal ausgenommen) erreichen würden. Einsam gelegene Seen. Urige Hütten. Aussichtsreiche Gipfel. Es gibt unzählige Schönheiten der Natur, die man beim Wandern entdecken kann. Die Erinnerung daran wird uns noch Jahre später ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

Fernab von allen Menschenmassen können wir mit etwas Glück unterwegs Tiere in freier Wildbahn beobachten. Ist es nicht viel schöner, eine Steinbockkolonie beim Sonnenbad auf einer Bergwiese zu beobachten als hinter Gittern im Zoo?

Steinböcke bei der Fiderescharte

Steinböcke bei der Fiderescharte

Bewegung auch für Sportmuffel

Bewegungsmangel ist ein großes Problem der modernen Zivilisation. Negative Folgen wie Rückenschmerzen, Herz-Kreislauferkrankungen und Übergewicht lassen nicht lange auf sich warten.

Wandern ist eine der besten Möglichkeiten, in Schwung zu kommen. Man ist viele Stunden am Stück in moderatem Tempo unterwegs. Ja, bergaufgehen ist anstrengend. Oft sogar sehr anstrengend. Aber es fühlt sich nicht so penetrant nach Sport an wie beispielsweise Joggen. Denn man kann unterwegs innehalten und die Aussicht genießen und am Ziel wartet meistens ein Gipfel oder eine Hütte, wo man sich mit einem Vesper und einem Radler belohnen kann. Bei den vielen Kalorien, die der Aufstieg verbrannt hat, kann man das ohne schlechtes Gewissen tun.

Der Effekt auf die Kondition macht sich rasch bemerkbar, wenn man mehrere Tage am Stück unterwegs ist. Muskeln werden aufgebaut, das Fett schmilzt dahin. Wer regelmäßig wandert, kann sich den Gang ins Fitnessstudio sparen.

Bewegung macht Spaß! Hier in den Dolomiten auf dem Weg zum Schlern

Bewegung macht Spaß! Hier in den Dolomiten auf dem Weg zum Schlern

Herausforderungen meistern

Den Wanderer erwarten eine Reihe von Herausforderungen. Lange Tagesetappen mit endlosen Kilometern. Hüttentouren mit vielen Entbehrungen. Viele, viele Höhenmeter, die überwunden werden wollen. Und heikle Stellen, bei denen man Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und manchmal auch Kletterkünste an den Tag legen muss. Vom Startpunkt aus betrachtet, scheint das Ziel oft unbezwingbar. Bei vielen Bergen kann man sich vom Tal aus nicht vorstellen, wie ein Weg hochführen soll, den man als normalsterblicher Wanderer begehen kann.

Wenn man dann aber loswandert und sich immer auf den nächsten Schritt konzentriert, stellt man am  Ende zumeist fest, dass man die Hürde ganz gut bewältigt hat. Weil man sie nicht im Ganze überspringen muss, sondern Schritt für Schritt zum Ziel kommt.

Wandern lehrt uns auch unsere Grenzen zu erfahren und mit Niederlagen umzugehen. Denn hin und wieder wird sich ein Weg als zu gefährlich, zu schwierig herausstellen. Oder die Wetterbedingungen verhindern den Weitermarsch. In solchen Fällen muss man Stärke zeigen und rechtzeitig umkehren.

Leiter am Heilbronner Weg

Leiter am Heilbronner Weg

Konzentration aufs Wesentliche

Wandern bringt einen näher ans Ursprüngliche und Einfache. Man hat nur dabei, was man selbst tragen kann. Je leichter das Gepäck umso entspannter lässt es sich wandern. Bei der ersten Hüttentour geht man noch mit mulmigem Gefühl los. Die paar Sachen und damit soll man tagelang auskommen? Und der Gedanke, dass es nicht möglich sein wird, unterwegs mal schnell etwas Vergessenes nachzukaufen, ist zunächst beängstigend.

Unterwegs stellt man dann fest, dass man sehr gut mit dem, was man hat zurecht kommt. Im Gegenteil, vieles von dem, was man eingepackt hat, braucht man am Ende gar nicht.

Das selbe gilt für die Übernachtung in Berghütten. Plumsklo hinterm Haus, fließendes Wasser nur am Brunnen vor der Hütte, schlafen im Lager auf engstem Raum. Man würde erwarten, die Menschen sind empört über solch einfachen Verhältnisse. Das Gegenteil ist der Fall – es funktioniert erstaunlich gut.

Unterwegs mit Rucksack

Unterwegs mit Rucksack

Leben im Hier und Jetzt

Wandern schult die Achtsamkeit und hat etwas Meditatives an sich. Wenn man sich immer auf den nächsten Schritt konzentriert, bleibt man im Hier und Jetzt. Vergangenheit und Zukunft verlieren ihre Bedeutung.

Außerdem wird man sich inmitten großartiger Landschaften bewusst, wie vergleichsweise klein und unbedeutend man als Einzelner ist. Das kann helfen, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Achtsamkeit

Zeit für sich

Wandern ist die ideale Gelegenheit, einmal Zeit mit sich selbst zu verbringen. Nicht umsonst ist Pilgern so beliebt. Insbesondere wenn man alleine unterwegs ist, lernt man seinen eigenen Rhythmus und sich selbst besser kennen. Man hat Zeit zum Nachdenken, kriegt den Kopf frei und schöpft neue Energie für kreative Ideen.

Chillaxen am Berg

Zeit mit anderen

Wandern kann jeder, der laufen kann. Deshalb ist es gut geeignet, um in der Gruppe loszuziehen. Denn gemeinsam macht das Abenteuer gleich doppelt so viel Spaß. Gemeinsame Erlebnisse schweißen zusammen und lassen einen noch Jahre später in Erinnerungen schwelgen. Vor allem Hütten bieten eine Menge Raum für Geselligkeit. Man sitzt beisammen und kann seine Tourerfahrungen austauschen. Für Gesprächsstoff ist aufgrund gleicher Interessen gesorgt, den Rest besorgen Bier und Schnaps.

Bergfreunde

Bergfreunde

Wandern ist also multifunktional wie kaum ein anderes Hobby. Es vereint Fitnessstudio, Freilichttheater, Socializing, Wellnesssalon und Coaching in einem und bietet dazu noch jede Menge Spaß.

Für alle hochmotivierten Wanderneulinge hier ein paar Vorschläge für spannende Einsteigertouren: